Sonate B-Dur für Viola und Klavier op. 36
Unvollendete Sonate für Viola und Klavier op. posth.
(Allegro und Scherzo für Viola und Klavier)
Capriccio op. posth.
für Viola
Elegie op. 30
für Viola und Klavier
... ankommen bei Vieuxtemps
Spielen Sie einem "gebildeten" Musikhörer
ein paar Takte von Henri Vieuxtemps vor.
Er wird verzeihend lächeln, um gleich seine Kenntnis über das Gehörte
mitzuteilen:
"Natürlich... Salonmusik, 19. Jahrhundert, reine Unterhaltungsmusik,
süß(lich), elegant, eingängig, substanzlos, virtuos. Henri Vieuxtemps?
Der belgische Violinist, dessen Schüler Eugène Ysaÿe war? Ja,
als Geigenvirtuose war er damals hochangesehen, reiste quer durch Europa, war
am Zarenhof in Petersburg angestellt, unternahm dreimal den Sprung nach Amerika,
aber als Komponist... nun, als solcher spielt er im Konzertleben eher keine
Rolle...".
Bildungsmächtig derart ausgestattet hat sich unser Hörer um seinen
Kunstgenuß gebracht; mit ästhetischer Strenge geißelt er seine
Sinne und treibt ihnen sinnlos ihr Hörvergnügen aus. Eine ganze Riege
von Musikschriftstellern und -gelehrten, Musikwissenschaftlern und auch Komponisten
hat in der Vergangenheit das Wissen um Musik vertieft. Häufig genug hat
sie es aber auch in ideologische Bahnen gepreßt. In Richtungskämpfen
griffen Musikologen Informationen auf, um sie gerne tendenziös zu verarbeiten.
Musikolügner verfestigten sie zu Klischees in Zeitungen und Zeitschriften,
in Pamphleten und Büchern, schufen Legenden und Vorurteile. Der musikalische
Bildungsbürger, in seinem Urteil eingeschüchtert, hielt sich an der
ihm offerierten Nomenklatur großer Künstlerpersönlichkeiten
fest und orientierte sich - sicher ist sicher - an der "ernsten" Musik.
"Leichte" und "gefällige" Musik, wenn sie nicht gerade
durch Namen wie Haydn oder Mozart nobilitiert wurde, sah sich im 20. Jahrhundert
in den Bereich der U-Musik verbannt und fand in der "seriösen"
Musikszene, der E-Musik, keinen Platz mehr.
Somit sind die auf dieser CD versammelten Werke von Henri Vieuxtemps, der auch
ein vorzüglicher Bratscher und Kammermusiker war, wahre Raritäten,
die es weder verdienen, totgeschwiegen, noch nötig haben, hochgejubelt
zu werden. Sie weisen Vieuxtemps als einen im besten Sinne feinen Musiker und
Komponisten aus, dessen selbstverständliche Musikalität sich in unangestrengter
Melodik, zart farbiger Harmonik und einfacher Rhythmik äußert. Unter
formalen Gesichtspunkten betrachtet, demonstrieren seine Sonaten und Charakterstücke
eine gänzlich ungekünstelte und nachvollziehbare Verschränkung
und Variierung der Motive und Themen - mit dem Erfolg, daß der Hörer
diese im Verlauf der Komposition als Bekannte wiedererkennt und als Freunde
annimmt. So wird das natürliche Verlangen, mit dem die Sinne an den
Gegenstand (sprich die Musik) herangehen, völlig befriedigt und ist auch
gerade so schwierig, daß es den Sinn nicht ermüdet (Renati Descartes,
Musicae compendium, 1618). Wie wahr in Bezug auf Vieuxtemps' Musik! Und ein
weiterer Tipp des französischen Philosophen René Descartes scheint
vom Komponisten ebenfalls befolgt worden zu sein: Schließlich ist noch
zu bemerken, daß eine Abwechslung in allen Dingen äußerst angenehm
ist...
Christine Mitlehner
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