Infos über die CD
Henri Vieuxtemps
(1820-1881)

Complete Works for Viola & Piano mit Thomas Selditz, Viola und Vladimir Stoupel, Klavier
als CD erschienen bei audite 97.486
mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2003

Sonate B-Dur für Viola und Klavier op. 36

Unvollendete Sonate für Viola und Klavier op. posth.
(Allegro und Scherzo für Viola und Klavier)

Capriccio op. posth.
für Viola

Elegie op. 30
für Viola und Klavier


... ankommen bei Vieuxtemps

Spielen Sie einem "gebildeten" Musikhörer ein paar Takte von Henri Vieuxtemps vor.
Er wird verzeihend lächeln, um gleich seine Kenntnis über das Gehörte mitzuteilen:
"Natürlich... Salonmusik, 19. Jahrhundert, reine Unterhaltungsmusik, süß(lich), elegant, eingängig, substanzlos, virtuos. Henri Vieuxtemps? Der belgische Violinist, dessen Schüler Eugène Ysaÿe war? Ja, als Geigenvirtuose war er damals hochangesehen, reiste quer durch Europa, war am Zarenhof in Petersburg angestellt, unternahm dreimal den Sprung nach Amerika, aber als Komponist... nun, als solcher spielt er im Konzertleben eher keine Rolle...".
Bildungsmächtig derart ausgestattet hat sich unser Hörer um seinen Kunstgenuß gebracht; mit ästhetischer Strenge geißelt er seine Sinne und treibt ihnen sinnlos ihr Hörvergnügen aus. Eine ganze Riege von Musikschriftstellern und -gelehrten, Musikwissenschaftlern und auch Komponisten hat in der Vergangenheit das Wissen um Musik vertieft. Häufig genug hat sie es aber auch in ideologische Bahnen gepreßt. In Richtungskämpfen griffen Musikologen Informationen auf, um sie gerne tendenziös zu verarbeiten. Musikolügner verfestigten sie zu Klischees in Zeitungen und Zeitschriften, in Pamphleten und Büchern, schufen Legenden und Vorurteile. Der musikalische Bildungsbürger, in seinem Urteil eingeschüchtert, hielt sich an der ihm offerierten Nomenklatur großer Künstlerpersönlichkeiten fest und orientierte sich - sicher ist sicher - an der "ernsten" Musik. "Leichte" und "gefällige" Musik, wenn sie nicht gerade durch Namen wie Haydn oder Mozart nobilitiert wurde, sah sich im 20. Jahrhundert in den Bereich der U-Musik verbannt und fand in der "seriösen" Musikszene, der E-Musik, keinen Platz mehr.
Somit sind die auf dieser CD versammelten Werke von Henri Vieuxtemps, der auch ein vorzüglicher Bratscher und Kammermusiker war, wahre Raritäten, die es weder verdienen, totgeschwiegen, noch nötig haben, hochgejubelt zu werden. Sie weisen Vieuxtemps als einen im besten Sinne feinen Musiker und Komponisten aus, dessen selbstverständliche Musikalität sich in unangestrengter Melodik, zart farbiger Harmonik und einfacher Rhythmik äußert. Unter formalen Gesichtspunkten betrachtet, demonstrieren seine Sonaten und Charakterstücke eine gänzlich ungekünstelte und nachvollziehbare Verschränkung und Variierung der Motive und Themen - mit dem Erfolg, daß der Hörer diese im Verlauf der Komposition als Bekannte wiedererkennt und als Freunde annimmt. So wird das natürliche Verlangen, mit dem die Sinne an den Gegenstand (sprich die Musik) herangehen, völlig befriedigt und ist auch gerade so schwierig, daß es den Sinn nicht ermüdet (Renati Descartes, Musicae compendium, 1618). Wie wahr in Bezug auf Vieuxtemps' Musik! Und ein weiterer Tipp des französischen Philosophen René Descartes scheint vom Komponisten ebenfalls befolgt worden zu sein: Schließlich ist noch zu bemerken, daß eine Abwechslung in allen Dingen äußerst angenehm ist...

Christine Mitlehner
für diesen Text gab es positive Kritiken
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