Erkki-Sven Tüür
(*1959)
Insula deserta
für Streichorchester (1989)
Estland ist das nördlichste der baltischen Staaten,
ein flaches Küstenland, umgeben von der Ostsee, dicht bewaldet und dünn
besiedelt. An seinem nordwestlichsten Teil liegt Tallinn, Hauptstadt Estlands,
mit der Offenheit, Lebendigkeit und Geschäftigkeit einer Hafenstadt. Die
faszinierende Altstadt ist Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt und
Welterbe der UNESCO. Von hier aus gestalten sich gute Beziehungen mit Finnland
und Skandinavien.
Als am Ende des Zweiten Weltkriegs der Einmarsch der sowjetischen Armee erfolgte,
ging ein großer Teil der Esten in Emigration. Von den Verbliebenen verschwand
ein unvorstellbar großer anderer Teil in sowjetischen Gulags oder Massengräbern.
Die Zwangsbesiedelung mit Russen sollte Willen und Identität des estnischen
Volks brechen und zerstören. Russisch wurde Amtssprache. Doch dann kam die
lang ersehnte Wende. Im Zuge des Zusammenbruchs des sowjetischen Imperiums ersangen
sich mehrere hundertausend Esten 1988 auf dem Tallinner Sängerfeld sowie
auf dem estnischen Sängerfest 1990 ihre Selbständigkeit - ohne Blutvergießen,
nur mit der Kraft der Töne. Das Ereignis auf der Tallinner Sängerwiese
wird "Singende Revolution" genannt, die neben dem politischen Willen
auch ein Grundbedürfnis der Esten demonstriert: die Musik.
Erkki-Sven Tüür, auf der Insel Hiiumaa geboren, eroberte sich die Musik
zunächst als Rocksänger, Keyboarder und Flötist in der von ihm
1979 gegründeten Tallinner Band "In Spe". 1982 verließ er
die Gruppe, da er keine Perspektive mehr sah, und mit der Wende kam die Befreiung.
Über Auftritte in Finnland gelangte er zu internationalem Ansehen.
Tüür schrieb "Insula deserta" für das finnische Ostrobothnian
Chamber Orchestra, dass das Streicherstück am 8. Oktober 1989 in Kokkola,
Finnland, uraufführte. Wie aus dem Nichts kommend breitet sich eine zarte
Klangfläche aus, aus der sich eine melodische Phrase herausschält, die
sich ineinander schiebt und in einer Klangmasse zusammendrängt. Dieses melodische
Material erfährt durch unterschiedliche Spielweisen und Variationen neue
Farben und kontrastierenden Charakter. Immer wieder verdichtet und klärt
sich der in seiner Geräuschhaftigkeit kosmisch wirkende Klang. Ein repetitiver
Teil führt zu einem dramatischen Höhepunkt. Am Ende aber verliert sich
die Musik wieder in der Stille des Raums.
Christine Mitlehner
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