Pjotr Iljitsch Tschaikowsky
(1840-1893)

Manfred
Sinfonie nach Byron, op. 58 (1885)


Eine seltsame, problematische Figur der Weltliteratur, die ihre Koordinaten in der ihr gegenwärtigen Welt sucht - geographisch, seelisch, moralisch - ist Gegenstand eines großangelegten sinfonischen Werkes von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky: Manfred. Eine faustische Figur, Held des gleichnamigen dramatic poem der Weltliteratur. Daß sein Autor gerade im Gefolge der Aufklärung die irrationalen Aspekte seiner Figur auslotet, ist typisch für die romantische Reaktion auf die klassische Dialektik. Das Unbeherrschbare der menschlichen Psyche, und das Aufbegehren gegen göttliche Mächte ist immer wieder Thema des englischen Dichters George Gordon Noel Lord Byron (1788-1824). "Ich vergaß, Ihnen gegenüber zu erwähnen", schrieb Byron im Februar 1817 in einem Brief, "daß eine Art Gedicht in Dialogform (in Blankversen) oder Drama [...] fertiggestellt ist; [...] der Held ist eine Art Zauberer, der sozusagen vom schlechten Gewissen gequält wird, dessen Ursache zur Hälfte unerklärt gelassen wird. Er wandert umher und [...] geht genau dorthin, wo der Ursprung des Bösen selbst wohnt, in propriâ personâ, um einen Geist anzurufen, der erscheint und ihm eine zweideutige unbefriedigende Antwort gibt; und, im 3. Akt, finden ihn seine Diener sterbend in einem Turm, wo er seine Künste studiert hatte."
Tschaikowskys Manfred-Sinfonie op. 58 entwirft ein Psychogramm in vier Stationen, das anhand von Schlüsselszenen des Dramas die äußeren und inneren Erlebnisse Manfreds programmatisch darstellt.

Tilman Schlömp
Zeichen 10134

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