Manfred
Sinfonie nach Byron, op. 58 (1885)
Eine seltsame, problematische Figur der Weltliteratur,
die ihre Koordinaten in der ihr gegenwärtigen Welt sucht - geographisch,
seelisch, moralisch - ist Gegenstand eines großangelegten sinfonischen
Werkes von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky: Manfred. Eine faustische Figur, Held
des gleichnamigen dramatic poem der Weltliteratur. Daß sein Autor
gerade im Gefolge der Aufklärung die irrationalen Aspekte seiner Figur
auslotet, ist typisch für die romantische Reaktion auf die klassische Dialektik.
Das Unbeherrschbare der menschlichen Psyche, und das Aufbegehren gegen göttliche
Mächte ist immer wieder Thema des englischen Dichters George Gordon Noel
Lord Byron (1788-1824). "Ich vergaß, Ihnen gegenüber zu erwähnen",
schrieb Byron im Februar 1817 in einem Brief, "daß eine Art Gedicht
in Dialogform (in Blankversen) oder Drama [...] fertiggestellt ist; [...] der
Held ist eine Art Zauberer, der sozusagen vom schlechten Gewissen gequält
wird, dessen Ursache zur Hälfte unerklärt gelassen wird. Er wandert
umher und [...] geht genau dorthin, wo der Ursprung des Bösen selbst wohnt,
in propriâ personâ, um einen Geist anzurufen, der erscheint und
ihm eine zweideutige unbefriedigende Antwort gibt; und, im 3. Akt, finden ihn
seine Diener sterbend in einem Turm, wo er seine Künste studiert hatte."
Tschaikowskys Manfred-Sinfonie op. 58 entwirft ein Psychogramm in vier
Stationen, das anhand von Schlüsselszenen des Dramas die äußeren
und inneren Erlebnisse Manfreds programmatisch darstellt.