Der Versuch, nachträglich ein "Rezept"
für Strawinskys Kompositionstechnik zu entwerfen, scheint zwangsläufig
an der Variationsbreite der Sacre-Partitur zu scheitern. Die Zwanghaftigkeit,
mit der dennoch immer wieder versucht wird, Strawinsky auf die kompositorische
Schliche zu kommen, rührt indes offensichtlich von der methodologischen
Orientierung an den von der Musikwissenschaft zu Strawinskys Antipoden ernannten
Vertretern der Zweiten Wiener Schule her. Ein Streichquartett Schönbergs
oder Weberns läßt sich durch reines Noten Zählen zumindest theoretisch
entzaubern. Eine vergleichbar "wasserdichte" Deutung Strawinskys steht
offensichtlich noch aus - möglicherweise aus dem einfachen Grund, daß
sich Strawinsky dogmatischen Kompositionsprinzipien verschloß und sich
neben der primär klanglichen französischen Tradition der Bitonalität
(Debussy, Ravel) und den national geprägten russischen Leitern (Rimskij-Korsakow)
beim Komponieren auch von seinem Gehör, seinem ureigenen musikalischen
Empfinden leiten ließ. Angesichts des weit verbreiteten Konzepts einer
primär vom Intellekt gesteuerten musikalischen Moderne muß diese
Vorgehensweise ebenso wild und archaisch anmuten, wie die Musik des Sacre. Dennoch
steht außer Frage, daß Strawinsky gerade mit Hilfe eines im Grunde
äußerst artifiziellen und zahlreiche Kompositionstechniken kombinierenden
musikalischen Idioms seine Vision einer großen heidnischen Feier zum Klingen
brachte.
Mark Schulze Steinen
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