Igor Strawinsky
(1882-1971)

Le Sacre du printemps



Der Versuch, nachträglich ein "Rezept" für Strawinskys Kompositionstechnik zu entwerfen, scheint zwangsläufig an der Variationsbreite der Sacre-Partitur zu scheitern. Die Zwanghaftigkeit, mit der dennoch immer wieder versucht wird, Strawinsky auf die kompositorische Schliche zu kommen, rührt indes offensichtlich von der methodologischen Orientierung an den von der Musikwissenschaft zu Strawinskys Antipoden ernannten Vertretern der Zweiten Wiener Schule her. Ein Streichquartett Schönbergs oder Weberns läßt sich durch reines Noten Zählen zumindest theoretisch entzaubern. Eine vergleichbar "wasserdichte" Deutung Strawinskys steht offensichtlich noch aus - möglicherweise aus dem einfachen Grund, daß sich Strawinsky dogmatischen Kompositionsprinzipien verschloß und sich neben der primär klanglichen französischen Tradition der Bitonalität (Debussy, Ravel) und den national geprägten russischen Leitern (Rimskij-Korsakow) beim Komponieren auch von seinem Gehör, seinem ureigenen musikalischen Empfinden leiten ließ. Angesichts des weit verbreiteten Konzepts einer primär vom Intellekt gesteuerten musikalischen Moderne muß diese Vorgehensweise ebenso wild und archaisch anmuten, wie die Musik des Sacre. Dennoch steht außer Frage, daß Strawinsky gerade mit Hilfe eines im Grunde äußerst artifiziellen und zahlreiche Kompositionstechniken kombinierenden musikalischen Idioms seine Vision einer großen heidnischen Feier zum Klingen brachte.

Mark Schulze Steinen
Zeichen 10359

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