Also sprach Zarathustra op. 30
Tondichtung frei nach Friedrich Nietzsche
für großes Orchester
Als Zarathustra dreißig Jahre
alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in
das Gebirge. Hier genoß er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde
dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz -
und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin
und sprach zu ihr also:
"Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht
die hättest, welchen du leuchtest! Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner
Höhe: du würdest deines Lichtes und deines Weges satt geworden sein,
ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.
Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluß
ab und segneten dich dafür.
Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des
Honigs zuviel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken.
Ich möchte verschenken und austeilen, bis die Weisen unter den Menschen
wieder einmal ihrer Torheit und die Armen wieder einmal ihres Reichtums froh
geworden sind. Dazu muß ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends tust,
wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches
Gestirn!
Ich muß, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen
ich hinab will. So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein
allzu großes Glück sehen kann. Segne den Becher, welcher überfließen
will, daß das Wasser golden aus ihm fließe und überallhin den
Abglanz deiner Wonne trage! Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und
Zarathustra will wieder Mensch werden".
Also begann Zarathustras Untergang.
(der Partitur Strauss' vorangestellt)
Christine Mitlehner
Zeichen 11501