Der Bürger als Edelmann
Orchestersuite op. 60
Um sich für Max Reinhardts inszenatorischen Hilfs-Einsatz
für die Uraufführung zu "Der Rosenkavalier" an der Dresdener
Semperoper zu revanchieren, will Hugo von Hofmannsthal Molières Komödie
Le Bourgeois gentilhomme für die Bühne neu einrichten, Strauss
soll eine Schauspielmusik dazu schreiben.
Die Handlung des 1670 im Auftrag von Sonnenkönig Ludwig XIV. entstandenen
Stücks ist schnell erzählt: Der reiche Tuchhändler Jourdain hat
es sich zum Ziel gesetzt, auf seine alten Tage in den Adelstand erhoben zu werden.
Er nimmt aus diesem Grund Tanz- und Musikunterricht, übt sich in der aristokratischen
Disziplin des Fechtens, lässt sich von den teuersten Couturiers einkleiden
und beeindruckt die verehrten Vertreter des höheren Standes mit kostbaren
Geschenken und erlesenen Diners. Seine Tochter Lucille möchte er unter
allen Umständen mit einem Adligen verheiraten. Diese hat ihr Herz jedoch
längst an einen mittellosen Bürgersohn vergeben, und nur durch eine
List gelingt es ihr, vom Vater die Einwilligung zur Hochzeit zu erhalten: Auf
einem prunkvollen Fest Jourdains erscheint ihr Geliebter Cléonte in Verkleidung
eines türkischen Prinzen, ernennt den Hausherrn ad hoc zum Paladin des
Großtürken und erringt so die Hand Lucilles.
Während Hofmannsthal damit beschäftigt war, Molières Komödie
von fünf auf zwei Akte zu-sammenzustreichen, kam ihm der Einfall, als Höhepunkt
des Festes im Hause Jourdain eine "Dreißig-Minuten-Oper" im
Stile der barocken Opera seria aufführen zu lassen - Theater auf dem Theater
also, durch das der Co-Autor Strauss neben der Arbeit an der Schauspielmusik
auch zu seinem Recht als erfolgreichster deutscher Opernkomponist kommen sollte.
Strauss stellte neun Nummern der Bühnenmusik zu einer Orchestersuite zusammen;
sie trägt wie die Oper Ariadne auf Naxos und die komplette Bühnenmusik
die Opuszahl 60 und wurde am 31. Januar 1920 von den Wiener Philharmonikern
aus der Taufe gehoben.
Mark Schulze Steinen
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