Richard Strauss
(1864-1949)
Metamorphosen
Studie für 23 Solostreicher (1946)
Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 war für Richard Strauss auch
eine persönliche Tragödie. Deutschland lag in Schutt und Asche, seine
Heimatstadt München war schwer zerstört. Noch härter traf ihn
allerdings, dass auch die zentralen Stätten seines kompositorischen Wirkens
nicht mehr existierten. [...]
Doch es war nicht nur die Zerstörung seiner Wirkungsstätten, die Strauss
zu schaffen machte. Schließlich war er in der Zeit des Nationalsozialismus
fast zwei Jahre lang Präsident der Reichsmusikkammer gewesen und hatte
so das System nicht unwesentlich gestützt. Jetzt, wo das nahende Ende Hitlerdeutschlands
absehbar war, sah er sich dem Vorwurf ausgesetzt, mit den Nationalsozialisten
gemeinsame Sache gemacht zu haben. Strauss, nicht selten als der größte,
lebende deutsche Komponist bezeichnet, hatte alles verloren: seinen guten Ruf,
seine Ideale und Wertvorstellungen, seine Wirkungsmöglichkeiten. In dieser
für ihn schweren Phase begann er mit einer äußerst ungewöhnlichen
Komposition, die er in ersten Skizzen "Trauer um München" überschreiben
wollte. Am 12. April 1945 schloss er nach nur vier Wochen die Arbeit an diesem
Werk ab, das er schließlich "Metamorphosen" nannte und bescheiden
als "Studie für 23 Solo-Streicher" deklarierte. [...]
Die "Metamorphosen" sind ein Abgesang der Trauer auf eine in Trümmer
versunkene Kultur, als deren letzter Repräsentant Richard Strauss sich
verstand, ein düsteres Zeugnis aus einer düsteren Zeit. Mit seiner
ungeheuren Ausdrucksintensität trotz des Verzichts auf ein breites Spektrum
an Klangfarben ist dieses Stück ein Spätwerk im emphatischen Sinne,
über das der französische Kritiker Roland Manuel, der dem Schaffen
von Strauss keineswegs nur positiv ge-genüber stand, einmal bemerkte: "Vielleicht
lebte Strauss einfach nur 85 Jahre, um dieses herrliche Werk zu schaffen. Vielleicht
waren seine Exzesse, seine Beleidigungen des guten Geschmacks nur Sta-tionen
auf einem Weg, der diesen alten Mann zur Entdeckung der Weisheit führte."
Auch Strauss selbst war offensichtlich bewusst, dass er mit den "Metamorphosen"
gegen Ende seines Lebens noch einmal einen neuen Weg eingeschlagen hatte. Er
sah in dieser halb-stündigen Streicher-Studie eine Art Resümee seines
künstlerischen Daseins, oder, wie er sich ausdrückte, einen "Widerschein
meines ganzen vergangenen Lebens".
Martin Demmler
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