Streichquartett d-Moll op. 56
"Voces intimae"
Viele seltsame Barrieren verbauten im 20. Jahrhundert
den freien Zugang zu Sibelius' Musik. So gaben Adornos hämische Glosse,
René Leibowitz' Artikel über Sibelius als "le plus mauvais
compositeur du monde" oder Luigi Nonos herabwürdigende Urteile den
Komponisten in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Abschuss frei. Aber
auch viel früher schon formulierten unter anderen Joseph Joachim, Gustav
Mahler oder Ernst Krenek ihre Ablehnung seiner Musik - frei von Respekt und
tieferer Einsicht. Dass seine Musik in den USA und in Großbritannien geliebt
und viel gespielt wurde, war Grund genug, die "Kulturferne" dieser
Länder milde zu belächeln. So entstellten im deutschsprachigen Raum
träge Ignoranz, bildungsfernes Nachbeten festfesselnder Vorurteile als
auch willentlich verzerrende und ideologiedurchtränkte Polemik das Sibelius-Bild
durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch. Einer vorbehaltlosen Beschäftigung
mit Musik und Quellen der finnischen Sibeliusforschung steht in der deutschen
Musikwissenschaft bis heute der Mangel an Sprachkenntnis entgegen - wenn dieser
Mangel aber zu rückwärts gewandtem Wiederkäuen unreflektierter
Vorurteile führt, ist es um das deutsche Bildungs- und Hochschulniveau
schlecht bestellt. Gott sei Dank gibt es seit 2007 ein lesenswertes Buch in
deutscher Sprache von Tomi Mäkelä "'Poesie in der Luft' -
Jean Sibelius. Studien zu Leben und Werk", auf das hier ganz besonders
verwiesen werden soll.
Das vierte Streichquartett d-Moll op. 56 aus dem Jahre 1909 mit dem Untertitel
"Voces intimae" setzt einen Schlusspunkt unter das kurze Quartettschaffen
von Jean Sibelius. Dem Quartett gehen drei Werke dieser Gattung voraus: die
Quartette Es-Dur (1885), a-Moll (1889) und B-Dur (1889/90). Am 15. April berichtet
der Komponist seiner Frau: "Heute hat Lienau [der Verlag] es bekommen.
Es wurde wundervoll. Eben ein solches, das auch in der Stunde des Todes zum
Lächeln zwingt. Mehr sage ich nicht."
Christine Mitlehner
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