Franz Schubert
(1797-1828)

Gesänge des Harfners op.12 Nr. 1-3 D 478
Wer sich der Einsamkeit ergibt
Wer nie sein Brot mit Tränen aß
An die Türen will ich schleichen



Einem Schreiben des Schubert-Freundes Josef Edler von Spaun an Johann Wolfgang von Goethe lagen u.a. die Vertonungen von Schäfers Klagelied und Rastlose Liebe bei, doch der Dichter antwortete nie darauf. Spauns Brief ist weder in Goethes Tagebüchern noch in seinem Briefwechsel mit Carl Friedrich Zelter erwähnt. Die Nachwelt muß sich bis heute damit abfinden, daß der Weimarer Dichter kein Interesse an Schuberts Liedern hatte. Lediglich am 16. Juni 1825 erwähnt er in seinem Tagebuch eine "Sendung von Felix (Mendelssohn) von Berlin, Quartette. Sendung von Schubert aus Wien, von meinen Liedern Compositionen". Unter diesen Kompositionen war das Lied Ganymed, doch blieb auch diese Sendung mit Schuberts Bitte, die Lieder ihm widmen zu dürfen, von Goethe unbeantwort.
Goethe hätte es damals sicher nicht für möglich gehalten, daß die Schubert-Vertonungen aus seinem Wilhelm Meister-Roman später einmal zum Standard-Repertoire eines jeden Liedsängers werden sollten.

Johann Wolfgang von Goethe
"Wilhelm Meisters Lehrjahre"
Zweites Buch, 13. Kapitel

In der verdrießlichen Unruhe, in der er sich befand, fiel ihm ein, den Alten aufzusuchen, durch dessen Harfe er die bösen Geister zu verscheuchen hoffte. Man wies ihn, als er nach dem Manne fragte, an ein schlechtes Wirtshaus in einem entfernten Winkel des Städtchens, und in demselben die Treppe hinauf bis auf den Boden, wo ihm der süße Harfenklang aus einer Kammer entgegenschallte. Es waren herzrührende, klagende Töne, von einem traurigen, ängstlichen Gesange begleitet. Wilhelm schlich an die Türe, und da der gute Alte eine Art Phantasie vortrug und wenige Strophen teils singend, teils rezitierend immer wiederholte, konnte der Horcher, nach einer kurzen Aufmerksamkeit, ungefähr folgendes verstehen:

— folgt Text "Wer nie sein Brot mit Tränen aß"

Lieferung der signifikanten Textstellen aus dem Goethe-Roman, in den die Liedtexte eingebettet sind - zur Anregung, den Roman aus dem Regal zu holen und zu lesen, um zu einem tieferen Verständnis der Lieder zu kommen...

Christine Mitlehner
Zeichen 5246 + Prosa- und Liedtext