Franz Schubert
(1797-1828)
Sonate für Klavier B-Dur D 960
Die B-Dur-Sonate ist ein Werk lyrischer Gelöstheit, mit einer "feierlichen zart-hymnischen Note" (Alfred Brendel: Musik beim Wort genommen, München 1992). Die zu Beginn der Sonate exponierte friedfertige Melodie, ihre Intervalle und ihr kreisender Gestus ist Quelle und Bezugspunkt für das gesamte Werk. Obwohl in den Sätzen eine enge Verwandtschaft des motivischen Materials auszumachen ist, sind sie dennoch im Ausdruck kontrastreich, von einem unerschöpflichen Erfindungsreichtum der Varianten und Interdependenzen und verbreiten einen einzigartigen klanglichen Zauber. Ob zarte Farbschattierungen oder unvermittelte Rückungen, in ihren wechselnden harmonischen Gewändern werden gerade Wiederholungen zu "himmlischen Längen". Schubert sendet seine Melodie auf Wanderschaft in die "heilige Wildnis" (Hölderlin) der Musik, wo sie sich ihrer selbst bewußt ungebunden entfalten kann: sich häufig wandelnd, Details aufnehmend und sich ihrer erinnernd, sich weit entfernend und wieder zurückkehrend. Typisch für Schuberts harmonisches Denken ist das Verblassen der Dominante vor dem eigentümlichen Charme der Mediante (terzverwandte Tonart), Dur-Moll-Schnitte oder die abrupte halbtonmäßige Rückung einer Tonart.
Christine Mitlehner
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