Dmitri Schostakowitsch
(1906-1975)
10. Sinfonie e-Moll op.93
Bis in die entlegensten Winkel des Privatlebens, sogar
bis in die letzte Note einer Oper oder einer Sinfonie reichte der Einfluß
des totalitären Staates Sowjetunion der Stalinzeit. Vor einer Ideologie,
die in ihrem umfassenden wissenschaftlich-philosophischen Anspruch keine Abweichung
von der Lehrmeinung dulden konnte, bekam alles, auch das Nebensächliche,
politische Bedeutung und bedurfte einer Auslegung: entweder sozialistisch und
volksnah oder formalistisch, kapitalistisch-bürgerlich, volksfremd usw.
Dmitri Schostakowitsch war als Künstler, der sich im Schatten Stalins behaupten
wollte (oder zumindest der ideologischen Verurteilung ausweichen mußte),
insofern der Gegenspieler des Diktators, dessen Launen über die Reputation,
oft auch über Leben und Tod eines Künstlers entschieden.
In diesem Zusammenhang und auch angesichts der sogenannten "Jubelfinale"
seiner Sinfonien kann man eine Äußerung des Shakespeare-Liebhabers
Schostakowitsch symbolisch nehmen:
Besonders berührt mich Hamlets Gespräch mit Rosenkranz und Güldenstern:
als Hamlet sagt, er sei keine Flöte, auf der die Menschen blasen könnten.
Eine herrliche Passage. Gut, daß er immerhin ein Prinz war. Sonst würden
sie so auf ihm geblasen haben, daß er gar nicht gemerkt hätte, wie
ihm geschah.
Schostakowitsch war der Hamlet, der kein Prinz war. Auf ihm (über dem D-Es-C-H-Motiv)
hat das Regime geblasen, daß er nicht wußte, wie ihm geschah. Sein
einziger Trost: es klang nicht optimistisch. Es klang schrill, falsch und gequält.
Tilman Schlömp
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