Giacinto Scelsi
(1905-1988)

Quartett Nr. 3 (1963)


Wie viele andere seiner Werke sind Scelsis Streichquartette am besten durch die direkte Hörerfahrung zugänglich. Alle Erklärungsversuche dieser Musik können sich nur an diesen direkten Höreindruck anlehnen. Für das Werk des Komponisten hat (und hatte) das Vor- und Nachteile. Einerseits kann sich der Hörer bedenkenlos in Scelsis Klänge hineinversenken, ohne befürchten zu müssen, ein "wichtiges" Motiv, eine kontrapunktische Wendung zu verpassen. Andererseits hat sich die Wissenschaft (die ja oft die alles erklärende Brücke zum Hörer baut) lange Zeit schwergetan, den intellektuellen Gehalt dieser Musik zu erfassen. "Analyse ohne Hörerfahrung ist jedoch taub und ohne Ästhetik leer" (Martin Zenck). Kann das nicht oder nur ansatzweise Dechiffrierbare, in Worte Faßbare, in unserer Verstandeswelt bestehen? Gerade gegenüber der mathematisch ausdifferenzierten Musik der sechziger Jahre hatten Scelsis Kompositionen einen schweren Stand. Das dritte Streichquartett von 1963 ist da keine Ausnahme. Heute, im Zeitalter der Postmoderne, hat man deutlich weniger Berührungsängste. Aber, das ist die traurige Ironie der Scelsi-Rezeption, heute ist das bereits alte Musik.
Das dritte Streichquartett, mehr als 40 Jahre alt, ist ein Relikt aus Scelsis fruchtbarster Schaffensperiode, ein Werk, das nach wie vor in Deutschland ebenso selten wie in Italien gespielt wird.

Tilman Schlömp
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