Camille Saint-Saëns
(1835-1921)
Oratorio de Noël
für Soli, Chor, Orgel und Orchester op. 12
Hierzulande vor allem aufgrund seiner biblischen Oper
"Samson et Dalila" und des charmanten Gelegenheitswerkes "Le
Carnaval des animaux" bekannt, gilt der 150 Jahre nach Bach geborene Camille
Saint-Saëns - Samson hin, Dalila her - nicht in erster Linie als gläubiger
Komponist. Das Organistenamt an der Pariser Église de la Madeleine, das
Saint-Saëns im jungen Alter von 23 Jahren übernahm, ist laut Michael
Stegemann "Beruf, nicht Berufung; seine Improvisationen sind (ebenso wie
die auskomponierten Orgelwerke) absolute Musik, keine Hymnen ad maiorem
Dei gloriam'; die geistlichen Vokalwerke dieser Jahre [darunter das 1858 in
nur elf Tagen komponierte Oratorio de Noël] entstehen aus Notwendigkeit,
nicht aus Neigung."
Angesichts dieser im gängigen Saint-Saëns-Bild fest verankerten Beurteilung
stellt sich freilich die Frage, ob ein Komponist geistlicher Werke in seiner
Arbeit mehr als nur die Erfüllung beruflicher Pflichten zu sehen hat. Reicht
es nicht, wenn ein Musiker den ihm anvertrauten Aufgaben mit demselben Engagement
nachgeht wie Menschen mit anderen Tätigkeiten? Es hat geradezu den Anschein,
als würde Saint-Saëns' mitunter pamphletistische Kritik an Kirche
und Evangelium ("Die christlichen Tugenden sind unsozial") einer vorurteilsfreien
Bewertung seiner geistlichen Kompositionen im Wege stehen.[...]
Dass es Saint-Saëns dank seines Stilempfindens gelingt, in seinem Weihnachtsoratorium
unterschiedlichste Satztechniken zu einer zwingenden musikalischen Einheit zu
fügen, mag man als das bewundernswerteste Merkmal dieses Werks ansehen.
Der Komponist machte um die verschiedenen Stilebenen seiner Musik indes wenig
Aufhebens: "Es gibt keine religiöse Kunst im eigentlichen Sinne, die
eindeutig von der weltlichen Kunst unterschieden werden könnte. Es gibt
gute und es gibt schlechte Musik; der Rest ist eine Frage der Mode oder der
Konvention, nichts weiter." Und für die Qualität eines musikalischen
Kunstwerkes - so möchte man hinzufügen - spielt die Gläubigkeit
ihres Komponisten sicherlich die geringste Rolle.
Mark Schulze Steinen
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