Sergej Prokofjew
(1891-1953)

Symphonie Nr. 5 B-Dur op. 100


"Ich für meinen Teil kümmere mich nicht um Politik; die Kunst hat mit ihr nichts zu tun", schrieb Sergej Prokofjew in seiner von Stilisierungen nicht freien, 1973 erst posthum vollständig erschienenen Autobiographie. Das war nicht nur ein klarer Widerspruch zur Haltung von Josef Stalin, der bekanntlich andere Ansichten über den Beitrag zur Kunst am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft hatte. Es war auch der späte Versuch einer persönlichen Ehrenrettung. Denn das Verhältnis von Prokojew zu den politischen Entwicklungen seiner Heimat scheint vor allem von Indifferenz, wenn nicht gar von Opportunismus geprägt gewesen zu sein. Den grausamen Nachwehen der Oktoberrevolution hatte sich das junge, schon früh vom Erfolg verwöhnte enfant terrible der Neuen Musik durch längere Aufenthalte in Amerika und Westeuropa entzogen. In späteren Jahren schrieb der Komponist, er habe damals "von dem Elan und der Bedeutung der Oktoberrevolution [...] keine klare Vorstellung" besessen.
1936 ließ sich Prokofjew mit seiner Familie und einem Lehrauftrag am Moskauer Konservatorium in der Tasche in der Sowjetunion nieder.
Ausgestattet mit Privilegien, wie sie sonst nur höchste Parteimitglieder genossen, konnte sich Prokofjew vorerst weitgehend ungehindert seiner kompositorischen Arbeit widmen. Als 1939 der Regisseur Wsewolod E. Meyerhold, der die Uraufführung von Prokofjews Oper Semjon Kotko inszenieren sollte, unter fadenscheinigen Gründen verhaftet und ein Jahr später hingerichtet wurde, verschloss Prokofjew die Augen vor der Realität des stalinistischen (Un-)Kulturbetriebs.
Die Fünfte Symphonie, 1944 komponiert und im letzten Kriegsjahr unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt, bedeutete nicht nur Prokofjews Rückkehr zur symphonischen Form nach sechzehn Jahren, sondern trug ihm ein letztes Mal die "parteioffizielle Anerkennung als bedeutendster und beachtetster Komponist der Sowjetunion" ein (Thomas Schipperges).

Mark Schulze Steinen
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