Symphonie Nr. 5 B-Dur op. 100
"Ich für meinen Teil kümmere mich nicht
um Politik; die Kunst hat mit ihr nichts zu tun", schrieb Sergej Prokofjew
in seiner von Stilisierungen nicht freien, 1973 erst posthum vollständig
erschienenen Autobiographie. Das war nicht nur ein klarer Widerspruch zur Haltung
von Josef Stalin, der bekanntlich andere Ansichten über den Beitrag zur
Kunst am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft hatte. Es war auch der späte
Versuch einer persönlichen Ehrenrettung. Denn das Verhältnis von Prokojew
zu den politischen Entwicklungen seiner Heimat scheint vor allem von Indifferenz,
wenn nicht gar von Opportunismus geprägt gewesen zu sein. Den grausamen
Nachwehen der Oktoberrevolution hatte sich das junge, schon früh vom Erfolg
verwöhnte enfant terrible der Neuen Musik durch längere Aufenthalte
in Amerika und Westeuropa entzogen. In späteren Jahren schrieb der Komponist,
er habe damals "von dem Elan und der Bedeutung der Oktoberrevolution [...]
keine klare Vorstellung" besessen.
1936 ließ sich Prokofjew mit seiner Familie und einem Lehrauftrag am Moskauer
Konservatorium in der Tasche in der Sowjetunion nieder.
Ausgestattet mit Privilegien, wie sie sonst nur höchste Parteimitglieder
genossen, konnte sich Prokofjew vorerst weitgehend ungehindert seiner kompositorischen
Arbeit widmen. Als 1939 der Regisseur Wsewolod E. Meyerhold, der die Uraufführung
von Prokofjews Oper Semjon Kotko inszenieren sollte, unter fadenscheinigen Gründen
verhaftet und ein Jahr später hingerichtet wurde, verschloss Prokofjew
die Augen vor der Realität des stalinistischen (Un-)Kulturbetriebs.
Die Fünfte Symphonie, 1944 komponiert und im letzten Kriegsjahr unter der
Leitung des Komponisten uraufgeführt, bedeutete nicht nur Prokofjews Rückkehr
zur symphonischen Form nach sechzehn Jahren, sondern trug ihm ein letztes Mal
die "parteioffizielle Anerkennung als bedeutendster und beachtetster Komponist
der Sowjetunion" ein (Thomas Schipperges).
Mark Schulze Steinen
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