Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25
Symphonie classique
Ziemlich unpolitisch begegnete Prokofjew dem Ausbruch
der Februar-Revolution 1917: "Während des Aufstandes selbst war ich
auf der Straße und versteckte mich nur von Zeit zu Zeit hinter Mauervorsprüngen,
wenn die Schießerei allzu heftig wurde. Die 19. 'Vision fugitive', die
ungefähr in jenen Tagen entstand, gibt zum Teil meine Eindrücke wieder,
d. h. mehr die Aufregung der Menge als das innere Wesen der Revolution".
Und dann zog er es vor, aufs Land zu gehen, um dort in Ruhe jenes retrospektive
Werk zu komponieren, das ihm weltweite Anerkennung verschaffen sollte, die Symphonie
classique. Während seines Studiums brachte ihn sein Lehrer Tscherepnin
auf den "Geschmack an den Partituren Haydns und Mozarts", weshalb
Prokofjew auf die Idee kam, "ein ganzes sinfonisches Werk ohne Zuhilfenahme
des Klaviers zu komponieren. Bei einem so entstandenen Werk müßten
die Orchesterfarben reiner klingen. So entstand der Plan, eine Sinfonie im Stile
Haydns zu schreiben, weil mir seine Technik bei meinem Unterricht in der Klasse
Tscherepnins irgendwie besonders klar erschienen war und es unter so vertrauten
Umständen leichter sein müsse, sich ohne Klavier in das gefährliche
Wasser zu stürzen. Wenn Haydn heute noch lebte, dachte ich, würde
er seine Art zu schreiben beibehalten und dabei einiges vom Neuen übernehmen.
Solch eine Sinfonie wollte ich schreiben - eine Sinfonie im klassischen Stil.
(aus Sergej Prokofjew: Autobiographie in "Dokumente, Briefe, Erinnerungen",
Moskau 1961)
Christine Mitlehner
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