Cantus in Memory of Benjamin Britten
für Streichorchester und eine Glocke (1977)
Arvo Pärt entdeckte Brittens Musik, deren "Reinheit"
- wie er es ausdrückt - ihn ergriff, erst spät für sich. Der
1935 in Estland geborene und 1980 ausgebürgerte Komponist bekam zu Zeiten
der Sowjetunion nur schwer Zugang zu den musikalischen Entwicklungen in der
westlichen Welt und war den ideologischen kulturellen Zielsetzungen der kommunistischen
Partei unterworfen. Deshalb erregte er mit seinem zwölftönigen Werk
Nekrolog das Mißfallen der Behörden, die in ihm einen "gefährlichen"
Komponisten erkannten. Als Tonmeister am estnischen Rundfunk schrieb Pärt
auch Filmmusik. Seine Lust am Experimentieren schlug sich in vielfältigen
Kompositionstechniken nieder wie Zwölfton, Klangflächentechnik, Aleatorik
(musikalische Vorgänge, die nicht in den Noten stehen) und vor allem Collagetechnik
mit Zitaten und Stilkopien. Sein Werk Credo, mit dem er offen Bekenntnis
zum Christentum ablegte, wurde als politische Provokation gewertet, weshalb
er noch schärfer beobachtet und bevormundet wurde. Pärt ging in die
innere Emigration und wandte sich auf der Suche nach der ihm eigenen musikalischen
Sprache dem Studium der mittelalterlichen Musik zu; er wollte "neu gehen
lernen" (Pärt). Die Zeit des Verstummens dauerte bis 1976, dann meldete
er sich mit einem neuen Kompositionsstil, den er Tintinnabuli (lat. Glöckchen)
nannte, zurück: "Ich arbeite mit einer sehr geringen Anzahl von Elementen
- mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue sie aus den primitivsten Materialien
auf: mit dem Dreiklang, mit einer bestimten Tonalität. Die drei Noten eines
Dreiklangs sind wie Glocken". (Pärt)
Diese äußerst reduzierte, kontemplative Kompositionstechnik findet
ihren ersten Niederschlag in dem kleinen Klavierstück An Alina,
in Fratres und in dem Cantus in Memory of Benjamin Britten.
Christine Mitlehner
Zeichen 3615