Das atmende Klarsein (1980/81)
Nach Texten aus den Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke und anderen antiken orphischen Blättern, zusammengestellt von Massimo Cacciari für kleinen Chor, Bassflöte, Live-Elektronic und Tonband
"Wanderer, deine Spuren sind der Weg und sonst nichts; Wanderer, es gibt keinen Weg, Weg entsteht im Gehen. Im Gehen entsteht der Weg, und schaust du zurück, siehst du den Pfad, den du nie mehr betreten kannst. Wanderer, es gibt keinen Weg, nur eine Kielspur im Meer". Dieses Gedicht von Antonio Machado, von dem Luigi Nono eine abgewandelte, verkürzte Version als Inschrift auf einer Klosterwand im spanischen Toledo entdeckt und offensichtlich für mittelalterlich gehalten hatte, steht seit dem "Prometeo" wie ein Motto über seinen späten Kompositionen. Insbesondere in seinen letzten Lebensjahren bestimmt das Motiv des Wanderns immer stärker sein Werk. [...] "Das atmende Klarsein" entstand in den Jahren 1980/81, fast unmittelbar nach seinem Streichquartett "Fragmente - Stille. An Diotima", mit dem Nono kompositorisch eine neue Richtung eingeschlagen hatte. Er selbst begründete diese gewandelte Haltung so: "Nach dem Gran Sole' hatte ich das Bedürfnis, meine ganze Arbeit und mein ganzes Dasein als Musiker heute und als Intellektueller in dieser Gesellschaft neu zu durchdenken, um neue Möglichkeiten der Erkenntnis und des Schöpferischen zu entdecken. Manche Konzepte und Ideen sind abgestanden, heute ist es unbedingt nötig, die Phantasie so weit wie möglich in den Vordergrund zu stellen."
Martin Demmler
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