Gustav Mahler
(1860-1911)

Sinfonie Nr. 9 D-Dur


Gefühle am Vorabend der Zeitenwende - Gustav Mahlers neunte Symphonie

"Während sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn blendete, fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, - dies Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer, frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine Art von Rührung wandelte ihn an, eine einfache und andächtige Sympathie mit seinem Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, so ganz allein hier oben im Eisig-Leeren mit seiner Frage und seinem Rätsel."
Als Hans Castorp in der Einsamkeit der hochalpinen Schneewelt über seine Existenzängste nachdenkt, steht er, ohne es zu wissen, zwischen zwei Zeitaltern: dem gesicherten militärisch-wilhelminischen mit spätkolonialer Wirtschaftsblüte und weitgehend festgefügtem Klassensystem und dem des Unterganges. (Mit Blick auf das zurückliegende 20. Jahrhundert relativiert sich freilich diese Sichtweise, doch der Autor und Schöpfer Hans Castorps bekam nur noch die erste Hälfte dieses Jahrhunderts zu Gesicht.) Am Schluß des Romans "Der Zauberberg" von Thomas Mann, dem dieses Zitat (aus dem "Schnee"-Kapitel) entnommen ist, wird dieser Untergang kurz, aber sehr konkret, dargestellt. Wir verlieren den jungen Hans Castorp im Trommelfeuer des Ersten Weltkrieges aus den Augen.
Gustav Mahler mußte diesen Weltuntergang nicht mehr erleben, er starb am 18. Mai 1911, drei Jahre vor Ausbruch des Krieges. Seine neunte Symphonie komponierte er in ähnlicher Abgeschiedenheit, wie Hans Castorp sie auf seiner Schneewanderung in den Davoser Alpen erlebte, nämlich in seinem "Komponierhäusl" in den österreichischen Alpen in der Nähe von Toblach.

Tilman Schlömp
Zeichen 18815

Zu diesem Werk ist auch ein Text von Christine Mitlehner erhältlich. Informationen zu musiktext.de