Gustav Mahler
(1860-1911)

Adagio Fis-Dur aus der Sinfonie Nr. 10


Wien: Sturm und schwerer Regen. Der Dirigent Bruno Walter ist dabei, als der Leichnam Gustav Mahlers am Abend des 19. Mai 1911 vom Sanatorium Löw nach Grinzing überführt wird, wo er in der Friedhofskapelle aufgebahrt wird. Die Frau des Komponisten muss mit einer Lungenkrankheit das Bett hüten und wird auch beim Begräbnis selbst nicht anwesend sein. Alma Maria Mahler, geborene Schindler, war der wichtigste Fixpunkt in Gustav Mahlers Leben. Unzählige Briefe, Tagebucheinträge und Notizen illustrieren diese intensive und schwierige Beziehung, detailliert und erschütternd. Doch gehören diese Details zur Privatsphäre des Komponisten, und den Leser dieser (inzwischen längst veröffentlichten) Skizzen und Aufzeichnungen beschleicht ein voyeuristisches Gefühl. Andererseits scheint gerade die Ehekrise für Gustav Mahler den Charakter einer persönlichen, das ganze Leben in Frage stellenden Katastrophe angenommen zu haben und so als Katalysator für die Konzeption der zehnten Symphonie gedient zu haben. Katalysator deshalb, weil es hier nicht um eine Mahlersche "Sinfonia domestica" geht, sondern um einen Anstoß zu viel weitergehenden Gedanken, die um Tod und Ewigkeit, Himmel und Hölle, kreisen.
Gustav Mahlers zehnte Symphonie entstand im Sommer 1910, zwischen dem 6. Juli und dem 3. September. Mahler verbrachte in dieser Zeit seinen Sommerurlaub in Toblach, einem kleinen Ort in Südtirol, wohin er sich seit 1908 zum Komponieren zurückzog. Dort feierte er auch - oder vielmehr feierte nicht, weil ihm das Komponieren wichtiger war - seinen 50. Geburtstag, allein, während seine Frau im mehr als 300 Kilometer entfernten Toblach bei Graz weilte. Der sommerliche Briefwechsel illustriert die wachsende Entfremdung zwischen beiden...

Tilman Schlömp
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