Gustav Mahler
(1860-1911)

Kindertotenlieder
Nach Gedichten von Friedrich Rückert


"In diesem Wetter, in diesem Braus, nie hätt' ich gesendet die Kinder hinaus, man hat sie getragen, getragen hinaus." - So beginnt das fünfte der Kindertotenlieder. Als müsste man ein altes Klischee bedienen, ist der Tod auch hier mit schlechtem Wetter verbunden. Der Sturm als Indikator für menschliche Gefühle im Angesicht des Todes hat hier, im letzten Lied des Zyklus, dem Komponisten eine große Orchesterbesetzung aufgenötigt, um den Aufruhr des Herzens in Töne zu fassen. Die "normale" Klangpalette der ersten vier Lieder ist hier erweitert um Instrumente wie Piccoloflöte und Kontrafagott, die an den Rändern des Tonhöhenspektrums agieren, um Schlagzeug in Gestalt der suggestiv-symbolischen Instrumente Celesta (von "cielo" - Himmel) und Tam-Tam (das als Todessymbol gilt), dazu gesellt sich ein seltsam fahler Streicherklang, der durch die Benutzung des Dämpfers zustande kommt. "Mit ruhelos schmerzvollem Ausdruck" ist dieses letzte Lied überschrieben, das eigentlich erst im Nachhinein den Sinn der vier vorangegangenen Lieder erklärt. Erst hier werden die toten Kinder direkt erwähnt, und die abgerissenen, matten Töne der Saiteninstrumente (inklusive Harfe) legen ebenso wie die chromatischen Motive der gestopften Hörner Zeugnis von einer Tragödie ab. Im Winter 1833/34 waren alle sechs Kinder des Dichters Friedrich Rückert an Scharlach erkrankt. Zwei von ihnen überlebten die Krankheit nicht, und der zutiefst erschütterte Familienvater schrieb sich sein Leid in insgesamt 428 (!) Gedichten von der Seele. Was Gustav Mahler bewogen hat, auf diesen riesigen, zu Herzen gehenden Liederfundus zurückzugreifen, ist unbekannt. Als er 1901 begann, an der Komposition zu arbeiten, waren seine Kinder noch nicht geboren, ja er hatte noch nicht einmal seine zukünftige Frau Alma Schindler kennen gelernt.

Tilman Schlömp
Zeichen 6427

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