Gustav Mahler
(1860-1911)

Das Lied von der Erde
Symphonie für eine Tenor- und eine Alt- (oder Bariton)-Stimme und Orchester
(nach Hans Bethges Die chinesische Flöte)




In der formalen Anlage des Werkes sind trotz der oberflächlich losen Reihung von sechs Liedern Anklänge an die standardisierte Viersätzigkeit der klassisch-romantischen Symphonie erkennbar: Der Kopfsatz (Das Trinklied vom Jammer der Erde) paßt die strophische Form des Textes an den Sonatenhauptsatz an und wird von einem langsameren (etwas schleppend, ermüdet) zweiten Satz gefolgt (Der Einsame im Herbst). Die drei folgenden Sätze (Von der Jugend, Von der Schönheit und Der Trunkene im Frühling) lassen sich, ohne entsprechende tonale oder tektonische Bezüge aufzuweisen, als dreiteiliges Scherzo auffassen: Die beiden kürzeren Ecksätze dieses Mittelteils bilden einen Rahmen um den längeren vierten Satz und legen damit eine Deutung als Scherzogruppe in der traditionellen A-B-A'-Form nahe. Der allein aufgrund seiner Länge dominierende Schlußsatz (Der Abschied) stellt das Werk schließlich in die Tradition der Finalsymphonie. Mahlers Untertitel Eine Symphonie scheint dem Lied von der Erde also durchaus gerecht zu werden. Erneut erweist sich ein biographisches Detail als aufschlußreich: Der abergläubische Mahler fürchtete offensichtlich, seine Neunte könne wie im Fall Beethovens und Bruckners auch seine letzte werden, und entschloß sich daher dafür, mit der Zählung auszusetzen und seine eigentlich neunte Symphonie Das Lied von der Erde zu nennen.

Mark Schulze Steinen
Zeichen 12883

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