In der formalen Anlage des Werkes sind trotz
der oberflächlich losen Reihung von sechs Liedern Anklänge an die
standardisierte Viersätzigkeit der klassisch-romantischen Symphonie erkennbar:
Der Kopfsatz (Das Trinklied vom Jammer der Erde) paßt die strophische
Form des Textes an den Sonatenhauptsatz an und wird von einem langsameren (etwas
schleppend, ermüdet) zweiten Satz gefolgt (Der Einsame im Herbst).
Die drei folgenden Sätze (Von der Jugend, Von der Schönheit und
Der Trunkene im Frühling) lassen sich, ohne entsprechende tonale oder
tektonische Bezüge aufzuweisen, als dreiteiliges Scherzo auffassen: Die
beiden kürzeren Ecksätze dieses Mittelteils bilden einen Rahmen um
den längeren vierten Satz und legen damit eine Deutung als Scherzogruppe
in der traditionellen A-B-A'-Form nahe. Der allein aufgrund seiner Länge
dominierende Schlußsatz (Der Abschied) stellt das Werk schließlich
in die Tradition der Finalsymphonie. Mahlers Untertitel Eine Symphonie
scheint dem Lied von der Erde also durchaus gerecht zu werden. Erneut
erweist sich ein biographisches Detail als aufschlußreich: Der abergläubische
Mahler fürchtete offensichtlich, seine Neunte könne wie im Fall Beethovens
und Bruckners auch seine letzte werden, und entschloß sich daher dafür,
mit der Zählung auszusetzen und seine eigentlich neunte Symphonie Das
Lied von der Erde zu nennen.
Mark Schulze Steinen
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