Das Lied
Das Lied - spontane Äußerung des Gefühls,
nachdenkliches Umkreisen subjektiver Empfindungen, ironisches Beschauen menschlicher
Defekte, tieftrauriger einsamer Dialog mit imaginären Partnern - das Lied
als der Moment, in dem ein "Weltgefühl den Menschen ergreift und in
ihm ein Einzelgefühl entzündet" - das Lied ist der komprimierteste
und intimste Ausdruck seelischen Empfindens. Musik und Gedicht, sagt Dietrich
Fischer-Dieskau, haben einen gemeinsamen Bereich, aus dem sie schöpfen und
in dem sie wirken, die Landschaft der Seele.
Eine Art Authentizität bleibt gewahrt, wenn Poesie und Musik sich in einer
Person vereinen. Bemächtigt sich aber ein Musiker des Gedichtes eines Lyrikers
und setzt die Worte in Töne, so wird die Landschaft des Liedes vielschichtig,
zwiespältig, zwielichtig, voller Verwerfungen und seltsamer Wege.
Dies ist die romantische Deutung des Liedes, des klavierbegleiteten Sololiedes,
das von Schubert und Schumann ausgeprägt und von Wolf, Mahler, Schönberg
bis hin zu Webern weiterentwickelt wurde. Romantisch auch im Sinne der Grenzüberschreitung
von der Realität in die Sphäre des Phantastischen, Mystischen, des künstlerischen
Nacherlebens der Vorzeit in Sage, Geschichte und Volkslied, des Eintauchens in
die Magie der Natur oder der schlichten Hingabe an Feld, Wald, Wiesen und Bäche.
Das Lied hat eine lange Geschichte, und sie ist gebunden an das Singen und Singen
wollen des Menschen. Es wird vereinnahmt von den verschiedensten Schichten der
menschlichen Gesellschaft, der Kirche, der Aristokratie, des Militärs, der
Stände (Studentenlieder, Handwerkslieder, Lieder für den Junggesellen,
für den Landmann, Freimaurerlieder etc.), des Bürgertums schlechthin.
Deutsche Liedsammlungen nennen sich Himmlische Lieder, Weltliche Oden, Musikalische
Gemütsergötzung, Geistreiche Lieder, Harmonische Freude musikalischer
Freunde, Augsburger Tafelkonfekt, Singende Muße an der Pleiße, Lieder
der Teutschen, Lieder für fühlende Seelen, Lieder der Weisheit und Tugend,
Musikalischer Blumenstrauß und wie sie noch alle heißen. Einfachheit,
Natürlichkeit und Volkstümlichkeit werden angestrebt. Chorgesang und
der klavierbegleitete Sologesang sind Ausdruck der Verbindung von Gesellschaft
und Musik, der Geselligkeit; Männerchorvereine nennen sich "Liederkranz"
oder "Liedertafel", für den gemischten Chor schrieb Felix Mendelssohn
Bartholdy seine Lieder "im Freien zu singen".
Aus diesem geselligen, haus- und laienmusikalischen Kontext wird das Lied durch
die Romantiker und deren professionelle Sänger herausindividualisiert und
in den nachfolgenden Jahrzehnten als selbständige Kunstgattung immer mehr
dem volkstümlichen Singen, ja Musizieren, entzogen. Denn auch dem Klavierbegleiter
erwachsen pianistische Schwierigkeiten, die weit über seine bisherigen Aufgaben
reichen. Das Sololied erobert sich den öffentlichen Konzertsaal, fasziniert
die Komponisten, stellt sich der Kritik und mit ihm der Sänger und Pianist.
Die Romantiker nehmen sich das (Volks)Lied und geben ein KunstLied zurück.
Die Idee des Liedes gerät dabei auf den Prüfstand: Goethe beachtete
bekanntlich Schuberts Kompositionen seiner Gedichte nicht. Er bejahte die Lieder
Zelters und Reichardts, deren Vertonungen seine Gedichte auf den "Fittichen
der Musik" tragen (Brief an Zelter, 4.9.1831), ohne dem Gedicht zu nahe zu
treten.
Das Lied - was ist es nur?
Das deutsche "Volkslied" hat ausgedient, die "Jugendbewegung"
und die "Zupfgeigenhansel"- Romantik des 20. Jahrhunderts ist in Verruf
geraten. Für die Nachkriegsgeneration verwandelte sich das Volkslied in
den amerikanischen Folk Song, der durch Bob Dylan ein Protestsong gegen den
Krieg, gegen das Establishment, gegen den schnöden Mammon, war. Und plötzlich
erhoben sie sich in Deutschland, die rebellierenden Liedermacher wie
Franz Josef Degenhardt und Wolf Biermann, um nur sie zu nennen. Sie schrieben
ihre Texte und Musik selbst und interpretierten sie auch. Die Fan-Gemeinde lauschte
und sang zuweilen mit.
Daneben das andere Lied, in dem zwei Kunstwelten zusammentreten: Lyrik und Musik.
Das Publikum lauscht den Worten und Tönen aus einer fernen Zeit, die zwei
Musensöhne von heute ihm vermitteln: "Durch Feld und Wald zu schweifen,
ein Liedchen weg zu pfeifen, so gehts von Ort zu Ort..."
Das Kunstlied erinnert an das Volkslied, das eine Lied
spricht von dem anderen.
Wir lauschen.
Christine Mitlehner
Zeichen 4358