René Leibowitz
(1913-1972)
Two Settings after Poems by William Blake op. 71 for mixed chorus a cappella (1966)
Einer der zentralen Vorwürfe Pierre Boulez' gegenüber
Arnold Schönberg war dessen Rückkehr zum thematischen Komponieren
und der damit verbundene "Widerruf" seines zwischen 1910 und 1920
erprobten frei-atonalen Komponierens ohne motivisch-thematische Bindungen. In
diesem Konflikt, der letztlich die Bedeutung und die Konsequenz der von Schönberg
erfundenen Zwölftontechnik für die Struktur des musikalischen Werkes
zum Gegenstand hatte, geriet René Leibowitz unverschuldet zwischen die
Fronten. Was Schönberg ihm als "Übertreibung" vorwarf -
nämlich mithilfe 'seiner' Zwölftontechnik athematisch zu komponieren
-, das ging den jungen Avantgardisten um Boulez nicht weit genug. Sie verlangten
einen radikalen Bruch mit der gesamten Ästhetik der Zweiten Wiener Schule,
die in wesentlichen Punkten dem musikalischen Denken des 19. Jahrhunderts verpflichtet
ist.
Aus Sicht des musikgeschichtlichen Spähtrupps, der sich selbst "Avantgarde"
nannte, war es Leibowitz' unverzeihlicher Fehler, an einer alleine auf die Ordnung
der Tonhöhen beschränkten "athematischen Zwölftontechnik"
festzuhalten und deren strukturelle Möglichkeiten weiter zu erkunden, als
man sich längst anschickte, ein neues "Fruchtland" zu betreten,
in dem alle musi-kalischen Parameter nach seriellen Gesetzen wuchsen und gediehen.
Jan Kopp
Zeichen 6423