Uralte Lieder op. 10 (1904-06)
Ein tragischer Unfall bereitete 1909 der Karriere eines
hoffnungsvollen polnischen Komponisten der Jahrhundertwende ein jähes Ende:
Im Alter von nur 32 Jahren wurde Mieczyslaw Karlowicz bei einer Skifahrt in
der Hohen Tatra von einer Schneelawine erfasst und verschüttet. Zwanzig
Jahre zuvor hatte der junge Karlowicz erstmals die Gipfel des an der Grenze
zur heutigen Slowakei gelegenen Bergzuges erklommen; später hatte er hier
Zuflucht vor den Anfeindungen der polnischen Presse gesucht, die Schönheit
der Region in Photographien festgehalten und in Beiträgen für die
Zeitschrift Taternik beschrieben. Den Eindrücken, die diese Landschaft
in ihm hinterließ, setzte Karlowicz in seiner symphonischen, 1907 vom
Berliner Philharmonischen Orchester unter der Leitung seines Landsmannes Grzegorz
Fitelberg uraufgeführten Trilogie Uralte Lieder op. 10 ein musikalisches
Denkmal.
Obwohl Karlowicz seinen Uralten Liedern kein Programm voranstellte, ist
die Verbindung der dreiteiligen symphonischen Dichtung zu den Naturerlebnissen
in der Hohen Tatra evident. Während seiner Bergwanderungen sah sich der
Komponist vom "unsterblichen Atem der Ewigkeit" umweht und verspürte
jene "ewige Hoffnung auf Auflösung im All", der er im letzten
Satz der Uralten Lieder musikalisch Ausdruck verlieh. Pantheistische
Naturbetrachtung und Kunsterlebnis waren für den Komponisten offensichtlich
zwei Seiten einer Medaille.
Mark Schulze Steinen
Zeichen 5206