Joseph Haydn
(1732 - 1809)
Die Schöpfung
Als bei der Aufführung am 27.März
1808, ein Jahr vor Haydns Tod, an der Stelle "Und es ward Licht" Beifall
losbrach, da habe, so wird berichtet, Haydn selbst den Finger zum Himmel gerichtet,
um auf den zu verweisen, dem das Kunstwerk in Wahrheit zu verdanken sei. Gottes
Schöpfung wird in der Kunst offenbar - und "Licht" lautet die
Parole: enlightenment, illuminismo, les lumières - Aufklärung. Unter
dieser internationalen und überkonfessionellen Parole konnte Haydns "Schöpfung"
im katholischen Wien ebenso gefeiert werden wie im anglikanischen London, im
evangelisch-preußischen Berlin wie im revolutionären Frankreich.
Nun schwanden vor dem heilgen Strahle
des schwarzen Dunkels gräuliche Schatten:
der erste Tag entstand.
Verwirrung weicht, und Ordnung keimt empor.
Erstarrt entflieht der Höllengeister Schar
in des Abgrunds Tiefen hinab zur ewigen Nacht.
So singt Uriel, der Engel, dessen Name bedeutet: Mein Licht ist Gott. Eine Folge
der politisch siegreichen Aufklärung in der französischen Revolution
war die Einführung der öffentlichen Straßenbeleuchtung. Die
erleuchtete Nacht soll das "lichtscheue Gesindel" zum Verschwinden
bringen; Licht bedeutet "neue Ordnung". Dieses Licht wird später
auch zum gleißenden Licht der Verhörlampe - es ist kein Zufall (eher
schon eine Verfälschung bis zur Kenntlichkeit), daß "Aufklärung"
und "Erkenntnisse" heute Worte aus dem Jargon von Polizei und Verfassungsschutz
sind.
Jürgen Ebach
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