Antonín Dvorák
(1841-1904)

Symphonie Nr. 9 e-Moll op. 95

Aus der neuen Welt


Die viel diskutierte Frage, wie authentisch Dvoráks "amerikanische" Melodien tatsächlich sind, erweist sich dabei als wenig relevant, was sich schon in den diesbezüglich widersprüchlichen Äußerungen des Komponisten zeigt. Dvorák schrieb und sagte über seine Neunte, je nachdem auf wen er reagierte: ...diese Motive sind meine eigenen, und einiges habe ich schon mitgebracht. Das ist und bleibt tschechische Musik - obwohl, so heißt es an anderer Stelle, jeder der eine 'Spürnase' hat, [...] den Einfluß Amerikas erkennen muß. Die leittonarmen modalen Leitern, die Dvorák als typisch für die Melodik der Schwarzen und der Indianer beschrieb und in seiner Symphonie aus der Neuen Welt ausgiebig verarbeitet, verwandten u. a. (darauf weist Dvorák selbst ausdrücklich hin) auch Mendelssohn in seinen Hebriden und Verdi in Aida. Das grundsätzliche Dilemma, das die Wechselwirkung von kompositorischem Material und nationaler Identifikation auslöst, hat Carl Dahlhaus beschreibend erklärt: "Was als national gilt und was nicht, scheint [...] primär - obwohl ein stilistisches fundamentum in res nicht fehlen darf - von einer kollektiven Entscheidung abzuhängen". So war und ist es eine stillschweigende Übereinkunft, daß wir ebenso wie das Publikum der Uraufführung auch heute noch Dvoráks Synkopen und modale Melodien für typisch amerikanisch/indianisch/schwarz halten und nicht für tschechisch, schottisch oder ägyptisch.

Mark Schulze Steinen
Zeichen 10466

Zu diesem Werk ist auch ein Text von Walter Rösler lieferbar
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