Serenade
für Violine, Viola und Violoncello op. 10
Ernst von Dohnányi, in Poszónyi (Preßburg/Bratislava,
Slowakei) geboren und 82jährig in New York gestorben, war "daran gewöhnt",
daß Menschen überrascht reagierten, ihn "noch lebend" vorzufinden,
wie er 1956 einem Journalisten in Edinburgh amüsiert anvertraute. Das mag
einmal mit seiner Biographie zu tun haben, studierte er doch noch im 19. Jahrhundert
an der Budapester Musikakademie bei Stephan Thomán (Klavier) und Hans
Koessler (Komposition) und feierte als Pianist bereits Erfolge in Europa und
den USA. Fest im ungarischen Musikleben verankert, war er von 1916 bis 1944,
als er Europa in Richtung Amerika verließ, in Budapest in leitenden Positionen
tätig: sei es als Professor für Klavier und Komposition oder als Rektor
an der Musikhochschule, als Chefdirigent der Budapester Philharmoniker oder
als Musikdirektor des Ungarischen Rundfunks, ausgezeichnet mit der Corvinus-Kette,
der höchsten kulturellen Auszeichnung Ungarns - ein Künstlerleben
zwischen Habsburger Monarchie und "Neuer Welt".
Dohnányi war 25 Jahre alt, als er seine Serenade für Streichtrio
schrieb. Er knüpft in ihrer Satzfolge an formale klassische Muster der
Divertimentiliteratur des 18. Jahrhunderts an: Ein Marsch und ein lebhafter
Finalsatz (Rondo), der am Schluß das Marschthema des Kopfsatzes wieder
aufnimmt, umrahmen einen langsamen Satz (Romanza), einen Variationensatz und
ein Scherzo als modernen Stellvertreter des einst üblichen Menuetts. Weniger
klassisch und im späten 19. Jahrhundert angesiedelt ist die hochromantische
chromatische Harmonik des Werks, das melancholische Schwanken zwischen Dur und
Moll, die energetische Intensivierung melodischer Linien durch Leittöne
und die Irritierung des Metrums durch Synkopen.
Christine Mitlehner
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