Claude Debussy
(1862-1918)
La mer
Trois esquisses symphoniques
Ungeachtet der Verwirrungen, die die Zivilisation
mit sich bringt, hat es bezaubernde Völkchen gegeben - und es gibt sie noch
-, die die Musik auf ebenso einfache Weise lernen, wie man atmen lernt. Ihr Conservatoire
ist der ewige Rhythmus des Meeres, der Wind in den Blättern und tausend kleine
Geräusche, denen sie aufmerksam lauschen, ohne jemals in rechthaberische
Lehrbücher hineinzuschauen. Ihre Tradition besteht lediglich aus sehr alten
Liedern, vermischt mit Tänzen; jedes einzelne Jahrhundert hat da seinen ehrwürdigen
(wie anders sieht hier Debussy plötzlich die Tradition!!) Beitrag
geleistet. Und so weist die Musik von Java einen Kontrapunkt auf, dem gegenüber
der Palestrinas nur ein Kinderspiel ist.
Na, na, na, Monsieur Croche! Kein Wunder, daß einzelne Mitglieder
der Académie des Beaux Arts versuchten, Debussy von seinen "ausgesuchtesten
Absonderlichkeiten", von seinem Verlangen, "Bizarres, Unverständliches,
Unaufführbares" zu machen, von dem "vagen Impressionismus",
dem die "Präzision der Zeichnung und der Form" fehle und der ein
"Feind der Wahrheit in den Kunstwerken" sei, abzubringen. Doch der Komponist
war infiziert; er träumte die geheimnisvolle Übereinstimmung von Natur
und Imagination und ging so weit zu behaupten, daß es nichts Musikalischeres
gibt als einen Sonnenuntergang.
Oder die Morgendämmerung! Oder das Spiel der Wellen und des Windes!
Christine Mitlehner
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