Luigi Cherubini
(1760-1842)

Requiem c-Moll



Dem polyphonen Satz haften die kompositorischen Erfahrungen der jüngeren Musik an, verwässern und erweitern ihn im gleichen Maße. Imitatorische, fugierte und kanonische Abschnitte kontrastieren mit homophonen Satztechniken und periodisch gegliederten Binnenkadenzen, eine über Strecken weitflächige Harmonik und Orgelpunkttechniken mit kühnen, oft ausufernden und mitunter ziellos verlaufenden Modulationen, opernhafte Effekte wie der Tamtamschlag zu Beginn des Dies Irae mit kargen, verinnerlichten und klanglich bewußt reduzierten Passagen wie dem Introitus, dem Cherubini durch den Verzicht auf Violinen und hohe Holzbläser eine düstere Farbe verleiht. Das Ergebnis ist ein musikalisches Mixtum compositum von erstaunlicher Fülle der Ausdrucksmöglichkeiten, die Cherubini auch eine deutliche formale Gliederung längerer Textabschnitte ermöglicht: Werden beispielsweise die inhaltlichen Bestandteile der Dies Irae-Sequenz in den meisten Vertonungen in abgeschlossene Sätze aufgeteilt (5 Sätze bei Berlioz, 6 bei Mozart und 9 bei Verdi), so faßt Cherubini alle Abschnitte in einen großen Satz zusammen und unterscheidet sie inhaltlich durch unterschiedliche Satztechniken, die gleichzeitig einzelne Abschnitte in einen thematischen Zusammenhang bringen: So wird unter anderem der Dies Irae-Kanon im Quid sum miser wieder aufgegriffen (Angst), das Rex tremendae erfährt die gleiche Behandlung wie das Tuba mirum (Ehrfurcht) und die Anrufung Gottes im Voca me cum benedictis ist eine Wiederholung des Salva me, fons pietatis (Hoffnung). Cherubini wahrt dadurch die liturgische Bestimmung seiner Komposition, ohne auf eine musikalische Differenzierung verschiedener inhaltlicher Aspekte verzichten zu müssen.

Mark Schulze Steinen
Zeichen 8571
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