Dem polyphonen Satz haften die kompositorischen
Erfahrungen der jüngeren Musik an, verwässern und erweitern ihn im
gleichen Maße. Imitatorische, fugierte und kanonische Abschnitte kontrastieren
mit homophonen Satztechniken und periodisch gegliederten Binnenkadenzen, eine
über Strecken weitflächige Harmonik und Orgelpunkttechniken mit kühnen,
oft ausufernden und mitunter ziellos verlaufenden Modulationen, opernhafte Effekte
wie der Tamtamschlag zu Beginn des Dies Irae mit kargen, verinnerlichten
und klanglich bewußt reduzierten Passagen wie dem Introitus, dem
Cherubini durch den Verzicht auf Violinen und hohe Holzbläser eine düstere
Farbe verleiht. Das Ergebnis ist ein musikalisches Mixtum compositum von erstaunlicher
Fülle der Ausdrucksmöglichkeiten, die Cherubini auch eine deutliche
formale Gliederung längerer Textabschnitte ermöglicht: Werden beispielsweise
die inhaltlichen Bestandteile der Dies Irae-Sequenz in den meisten Vertonungen
in abgeschlossene Sätze aufgeteilt (5 Sätze bei Berlioz, 6 bei Mozart
und 9 bei Verdi), so faßt Cherubini alle Abschnitte in einen großen
Satz zusammen und unterscheidet sie inhaltlich durch unterschiedliche Satztechniken,
die gleichzeitig einzelne Abschnitte in einen thematischen Zusammenhang bringen:
So wird unter anderem der Dies Irae-Kanon im Quid sum miser wieder
aufgegriffen (Angst), das Rex tremendae erfährt die gleiche Behandlung
wie das Tuba mirum (Ehrfurcht) und die Anrufung Gottes im Voca me
cum benedictis ist eine Wiederholung des Salva me, fons pietatis
(Hoffnung). Cherubini wahrt dadurch die liturgische Bestimmung seiner Komposition,
ohne auf eine musikalische Differenzierung verschiedener inhaltlicher Aspekte
verzichten zu müssen.
Mark Schulze Steinen
Zeichen 8571