Johannes Brahms
(1833-1897)

Romanzen aus Tiecks Magelone op. 33


Seit Urzeiten erzählen die Menschen Märchen, geben sie von Generation zu Generation weiter. Und obwohl das Märchenerzählen eine Kunst ist, begann man erst spät über sie zu reflektieren. Das 18. Jahrhundert, das sich über viele Traditionen Rechenschaft abzulegen begann, brachte auch die Märchen und Volkserzählungen auf den ästhetischen Prüfstand. Der junge Berliner Dichter Ludwig Tieck entdeckte in der Volksdichtung ein neues dichterisches Ideal: Die gewöhnlichen Leser sollten ja nicht über jene Volksromane spotten, die von alten Weibern auf der Straße für einen oder zwey Groschen verkauft werden, denn der gehörnte Siegfried, die Heymonskinder, Herzog Ernst und die Genoveva haben mehr wahre Empfindung und sind ungleich reiner und besser geschrieben, als jene beliebten Modebücher. Brahms hatte die Magelone nicht durch Tiecks Bearbeitung, sondern noch als Kind durch eine der ursprünglichen Volksbuchversionen kennengelernt. Für seinen 1861-1862 in Hamburg entstandenen einzigen Liederzyklus griff der Komponist dann auf Tiecks Bearbeitung der Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence zurück. Es enstand ein abendfüllendes Werk, das man möglichst mit Rezitator (Prosatext) und Sänger (Romanzen) aufführen sollte.

Carsten Niemann
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