Johannes Brahms
(1833-1897)

Lieder op. 3, 19, 32, 71, 72


Brahms' Liedschaffen umfaßt neben knapp 200 Sololiedern und Romanzen sieben Hefte Deutsche Volkslieder, Volks-Kinderlieder, Duette, Terzette (Händel-Bearbeitungen), Quartette ("Liebeslieder-Walzer") und die Romanzen aus Tiecks "Magelone".
In echt romantischer Denkungsart sah der Komponist in dem volkstümlichen Strophenlied das Ideal des Liedes, weshalb er strophische und variierte strophische Formen bevorzugte. Das Strophenlied läßt eine differenzierte Textausdeutung nicht zu, sondern fordert eine Festlegung auf ein Liedthema und eine musikalische Grundstimmung. Mit Hilfe der Variation des thematischen Materials und einer aufgelockerten expressiven Klavierbegleitung profiliert Brahms textliche Stellen, ohne jedoch die Geschlossenheit von Gedicht und Komposition preiszugeben, was er ja auch nicht will. Bezüge zwischen einzelnen Liedern stiften Einheitlichkeit. Häufig übernimmt das Klavier als treuer Begleiter die Melodie der Gesangsstimme, imitiert oder synkopiert sie oder versteckt eine "duettierende" Melodie in seinen Mittelstimmen. In op. 71 und 72 ist die illustrierende Klavierbegleitung selbständiger. Die stärkste musikalisch-lyrische Einheitlichkeit ist in op. 32 gegeben mit der schwermütigen, selbstquälerischen Liebeslyrik des homosexuellen Dichters August Graf von Platen und der bitter-süßen Erotik der Gedichte des Persers Hafis (Mohammed Schemsed-din, ca. 1327-1390, ins Deutsche übertragen von dem Religionsphilosophen und Lyriker Georg Friedrich Daumer). Brahms fängt den Stimmungsgehalt dieser Liedgruppe in hochexpressiven, tiefdunkel gefärbten, lastenden (pesante) Tönen auf, die Singstimme durchläuft eine Ausdrucksskala von stockender Deklamation bis zu leidenschaftlich ausbrechenden Melodiebögen.

Christine Mitlehner
Zeichen 6975
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