Johannes Brahms
(1833-1897)

Vier Balladen op. 10


Am 30. September 1853 betrat Brahms hoffnungsvoll die Wohnung Robert und Clara Schumanns - ein sowohl menschlich als auch künstlerisch bedeutender Moment im Leben dieser drei Persönlichkeiten. Brahms spielte Sonaten von sich vor, vielleicht auf dem nagelneuen Flügel der Düsseldorfer Firma Johann Bernhard Klems, den Clara gerade zu ihrem Geburtstag am 13. September von Robert geschenkt bekommen hatte. Schumann begeisterte sich für Brahms' Musik, er und Clara boten ihm vollste Gastfreundschaft, er wurde in den Freundeskreis integriert, ihre Tagebücher sind erfüllt von Brahms. Der junge Hamburger fühlte sich nach den enervierenden Weimarer Erlebnissen endlich verstanden und aufgehoben. Sicher war er glücklich. Nur fünf Monate später stürzte sich Schumann in den Rhein und ließ sich bald danach in erschütternder eigener Erkenntnis seiner psychischen Verfassung in die Irrenanstalt von Endenich einweisen. Das sind heftige, gedrängte Lebens- und Gefühlskurven, die schmerzhaft prägend auf die Seele des jungen Brahms einwirkten, und die ihn aufs engste ein Leben lang an Clara banden, ja fesselten.
Brahms komponierte die Vier Balladen im Sommer 1854 - da hielt sich Schumann bereits in der Endenicher Anstalt auf. Unschwer sich vorzustellen, dass die Tragik der Ereignisse in den Stücken ihre Spuren hinterließ. Die Schwermut ihrer Stimmungen und die unterschwellige Leidenschaft des Ausdrucks sind kaum zu überhören.

Christine Mitlehner
Zeichen 5560

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