Vier Balladen op. 10
Am 30. September 1853 betrat
Brahms hoffnungsvoll die Wohnung Robert und Clara Schumanns - ein sowohl menschlich
als auch künstlerisch bedeutender Moment im Leben dieser drei Persönlichkeiten.
Brahms spielte Sonaten von sich vor, vielleicht auf dem nagelneuen Flügel
der Düsseldorfer Firma Johann Bernhard Klems, den Clara gerade zu ihrem
Geburtstag am 13. September von Robert geschenkt bekommen hatte. Schumann begeisterte
sich für Brahms' Musik, er und Clara boten ihm vollste Gastfreundschaft,
er wurde in den Freundeskreis integriert, ihre Tagebücher sind erfüllt
von Brahms. Der junge Hamburger fühlte sich nach den enervierenden Weimarer
Erlebnissen endlich verstanden und aufgehoben. Sicher war er glücklich.
Nur fünf Monate später stürzte sich Schumann in den Rhein und
ließ sich bald danach in erschütternder eigener Erkenntnis seiner
psychischen Verfassung in die Irrenanstalt von Endenich einweisen. Das sind
heftige, gedrängte Lebens- und Gefühlskurven, die schmerzhaft prägend
auf die Seele des jungen Brahms einwirkten, und die ihn aufs engste ein Leben
lang an Clara banden, ja fesselten.
Brahms komponierte die Vier Balladen im Sommer 1854 - da hielt sich Schumann
bereits in der Endenicher Anstalt auf. Unschwer sich vorzustellen, dass die
Tragik der Ereignisse in den Stücken ihre Spuren hinterließ. Die
Schwermut ihrer Stimmungen und die unterschwellige Leidenschaft des Ausdrucks
sind kaum zu überhören.
Christine Mitlehner
Zeichen 5560