Pierre Boulez
(*1925)

Notations I-IV für großes Orchester


Meine Musik ist sehr stark durch Webern, Debussy und Strawinsky beeinflußt gewesen. Das sind meine Vorfahren, aber ich glaube, daß die Musik keine andere Entwicklung nehmen kann als die, welche Webern ihr gegeben hat. Bei den Wienern wird die Reihentechnik nur im Bereich der Tonhöhen angewandt. Wir haben sie erweitert, meine Kameraden und ich, auf alle Elemente des Tons, ebensosehr auf die Dauer, wie die Klangfarbe und die Anschlagsart. Es ist das, was ich die vollständige Organisation des Tones nenne, denn alle Elemente des Tones sind solcherart organisiert.
Pierre Boulez in "The World of Music, 1952, Heft 12

Das offizielle Opus 1 des zwanzigjährigen Komponisten Pierre Boulez ist ein Zyklus von zwölf kurzen Klavierstücken zu je zwölf Takten von unterschiedlicher Länge, Notations mit Namen, eine Folge ziselierter Miniaturen wechselnden Charakters, zwölftönig, aber nicht unbedingt der Schönbergschen Observanz gehorchend, in manchem Detail vorab der rhythmischen Konstruktion Strawinskys und Olivier Messiaens (seinem Lehrer) verpflichtet, die Ahnherrschaft Debussys nicht verleugnend, aber im Ganzen von erstaunlicher sprachlicher Selbständigkeit.
Etwa dreißig Jahre nach der Entstehung ist Boulez erneut auf die Notations zurückgekommen: Er entschied sich dafür, sie zu einem Zyklus von Orchesterstücken auszubauen, in einer Weise jedoch, vor der das Wort Orchestrierung versagt - man muß von Neukomposition sprechen.

Christine Mitlehner
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