Pierre Boulez
( * 1925)

Douze notations für Klavier (1945)


Zu einer zufälligen Begegnung mit den Notations, durchaus einer mémoire involontaire im Sinne Prousts nicht unähnlich, führte eine den Schülern Olivier Messiaens gewidmete Rundfunksendung, die 1978 aus Anlaß von dessen 70. Geburtstag ausgestrahlt worden ist. Zwei Stücke wurden aus der einzigen erhaltenen Reinschrift, die Boulez 1945 seinem ehemaligen Mitschüler Serge Nigg geschenkt und seitdem vergessen hatte, zum ersten Mal seit der Uraufführung wieder öffentlich gespielt. Seither sind die Notations für Klavier, nunmehr der Vergessenheit wieder entrissen, durch Veröffentlichung (Universal Edition Wien, 1985) vom Komponisten in den Rang eines gültigen Werkes erhoben worden.
In jenen Jahren mit dem Dirigat der Tetralogie in Bayreuth betraut, beschloß der Komponist nun, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Wagnerschen Orchestersprache, ein Portrait of the artist as a young man zu zeichnen und die Erinnerung an die Klangfiguren des Jugendwerkes mit Hilfe des Orchesterapparates sich entfalten zu lassen, - ganz so wie die hauchdünnen Papierschnitzel in jenem kleinen japanischen Spiel, die, kaum in ein Gefäß mit Wasser getaucht, sich auseinanderfalten, und die Proust in einem seiner schönsten Briefe an den Prinzen Antoine Bibesco mit der mémoire involontaire zu vergleichen gewußt hat - um so einen seinem Wesen nach phantastischen musikalischen Raum zu schaffen, Phantasiegebilde der Zeit und des Objekts.
Die ersten vier dieser Notations für großes Orchester sind 1980 in Paris von Daniel Barenboim uraufgeführt worden.

Thomas Bösche
Zeichen 6326

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