Douze notations für Klavier (1945)
Zu einer zufälligen Begegnung mit den Notations,
durchaus einer mémoire involontaire im Sinne Prousts nicht unähnlich,
führte eine den Schülern Olivier Messiaens gewidmete Rundfunksendung,
die 1978 aus Anlaß von dessen 70. Geburtstag ausgestrahlt worden ist.
Zwei Stücke wurden aus der einzigen erhaltenen Reinschrift, die Boulez
1945 seinem ehemaligen Mitschüler Serge Nigg geschenkt und seitdem vergessen
hatte, zum ersten Mal seit der Uraufführung wieder öffentlich gespielt.
Seither sind die Notations für Klavier, nunmehr der Vergessenheit
wieder entrissen, durch Veröffentlichung (Universal Edition Wien, 1985)
vom Komponisten in den Rang eines gültigen Werkes erhoben worden.
In jenen Jahren mit dem Dirigat der Tetralogie in Bayreuth betraut, beschloß
der Komponist nun, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Wagnerschen Orchestersprache,
ein Portrait of the artist as a young man zu zeichnen und die Erinnerung
an die Klangfiguren des Jugendwerkes mit Hilfe des Orchesterapparates sich entfalten
zu lassen, - ganz so wie die hauchdünnen Papierschnitzel in jenem kleinen
japanischen Spiel, die, kaum in ein Gefäß mit Wasser getaucht, sich
auseinanderfalten, und die Proust in einem seiner schönsten Briefe an den
Prinzen Antoine Bibesco mit der mémoire involontaire zu vergleichen gewußt
hat - um so einen seinem Wesen nach phantastischen musikalischen Raum zu schaffen,
Phantasiegebilde der Zeit und des Objekts.
Die ersten vier dieser Notations für großes
Orchester sind 1980 in Paris von Daniel Barenboim uraufgeführt
worden.
Thomas Bösche
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