Beethovens Violinkonzert op. 61, von Geigern lange Zeit als unspielbar bezeichnet, von anderen hingegen auf Grund seiner komplexen kompositorischen Faktur als Idealfall eines Solokonzertes apostrophiert, zeigt geradezu exemplarisch die Problematik des Genres auf: 1806 für den Violinvirtuosen Franz Clement geschrieben, berücksichtigt Beethovens Komposition zunächst die spezifischen Fähigkeiten dieses Musikers, insbesondere dessen Beherrschung extrem hoher Lagen, peinlich genau. Unter der brillanten Klangschicht der Sologeige liegen jedoch vor allem im ersten Satz symphonische Strukturen verborgen, die sich mehrfach mit der alternierenden Tutti-Solo-Dramaturgie reiben. So fällt in dem doppelten Sonatenhauptsatz auf, daß im Rahmen der Orchesterexposition erstes und zweites Thema in der Tonika D-Dur erklingen; erst die Soloexposition sorgt mit der Verlagerung des Seitensatzes in die Dominante für den üblichen Tonartendualismus. Diese tonale Anlage dient Beethoven dazu, die Orchesterexposition möglichst homogen zu halten und erst mit Einsatz des Soloinstrumentes in weitere Tonartenbereiche vorzudringen. Für einen vorübergehenden Kontrast zu den lyrischen Holzbläserthemen sorgt während der Orchesterexposition neben einer figurativ begleiteten Streicherwiederholung des Seitensatzes auf der Molltonika zu Beginn des Satzes ein schroffes Tuttimotiv in B-Dur, das unmittelbar in Anschluß an das erste Thema erklingt. Diese kurze Episode wird bei der Soloexposition zunächst ausgespart, um dann erst gegen deren Ende auf F-Dur einsetzend wieder aufgegriffen zu werden und mit einer weiteren dominantischen Wiederholung des Seitensatzes und der Schlußgruppe zur Durchführung überzuleiten. Daß die Durchführung nach der nunmehr dritten Exposition des Seitensatzes tonal versetzt mit demselben Eingang der Violine anhebt wie die Soloexposition, mag ein Grund dafür gewesen zu sein, daß an Beethovens Komposition nach seiner Uraufführung am 23. Dezember 1806 in Wien unendliche Wiederholungen bemängelt wurden.
Mark Schulze Steinen
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