Trio D-Dur op. 70 Nr. 1
für Klavier, Violine und Violoncello
"Geistertrio"
Der seit dem 17. Jahrhundert gängigen Praxis, mehrere Werke unter einer Opuszahl zu veröffentlichen, ist Ludwig van Beethoven nur noch vereinzelt nachgekommen. Vor allem zu Beginn seiner Karriere machte der junge Komponist mit Werksammlungen wie den Klaviertrios op. 1, den Klaviersonaten op. 2, den Streichtrios op. 9, drei Klaviersonaten op. 10 oder den Violinsonaten op. 12 auf sich aufmerksam. Auch seine ersten sechs Streichquartette op. 18 gab er in Anlehnung an die Vorbilder von Haydn und Mozart 1801 unter einer Opuszahl heraus. In späteren Jahren folgte er diesem Verfahren hingegen immer seltener, veröffentlichte allerdings Kompositionen verschiedentlich auch paarweise. Dazu gehören neben den beiden Klaviertrios op. 70 u.a. zwei Klaviersonaten op. 27 sowie zwei Sonaten für Violoncello und Klavier op. 102. Auch die Violinsonaten opp. 23 und 24 wollte Beethoven ursprünglich unter einer gemeinsamen Opuszahl zusammenfassen. Was diese Werkgruppen gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass Beethoven parallel an ihren entsprechenden Kompositionen arbeitete und sie als Kontrastpaare anlegte. Den Spitznamen "Geistertrio" verdankt das Werk seinem zweiten Satz: Auf einer Kompositionsskizze notierte der Komponist einen Verweis auf William Shakespeares von zahlreichen metaphysischen Erscheinungen bevölkertes Drama "Macbeth". Ob Beethoven 1808 tatsächlich Pläne zu einer Vertonung dieser blutigsten aller Shakespeareschen Tragödien hegte oder sich bei der Komposition des Triosatzes lediglich von der Stimmungswelt des englischen Schriftstellers inspirieren ließ, ist angesichts der bereits auf die Musik von Franz Schubert vorausweisenden Expressivität des Satzes weitgehend irrelevant.
Mark Schulze Steinen
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