Streichquartett Nr. 5 Sz 102
Mit Strawinsky, Webern, Schönberg und Berg zählt Pierre Boulez in der Encyclopédie de la Musique 1958 den ungarischen Komponisten zu den "Großen Fünf" der zeitgenössischen Musik, wenngleich er seine Vorbehalte gegen Bartóks Folklorismus nicht unterdrücken kann. Allerdings schließt er Bartóks sechs Streichquartette ausdrücklich aus dieser Kritik aus, sie bilden für ihn Kulminationspunkte und eigentliches Zentrum in dessen Schöpfertum. Die sehr spezielle Erkundung des chromatischen Terrains verweist Bartók zwar in die Nähe Bergs und Schönbergs, ohne dass er jedoch an den Theorien der Wiener Schule je hätte teilnehmen wollen. Die Bartóksche Chromatik und Diatonik verhalten sich zueinander wie Dantes "Inferno" zum "Paradiso" (Ernö Lendvai), ihre Synthese gelingt im 5. Streichquartett durch ausgefeilte kontrapunktische Arbeit, aber auch durch eine hochsensible Durchlöcherung des vierstimmigen Satzes.
Christine Mitlehner
Zeichen 8281