Sonate für Violine solo Nr. 1 g-Moll BWV 1001
Während die Autographen von Bachs sechs Solo-Cellosuiten
verschollen sind und ihre Entstehungszeit daher nicht genau bestimmt werden
kann, lassen sich die Sonaten für Violine solo zumindest annähernd
datieren: 1720 fertigte Bach eine Reinschrift von je drei Sonaten und Partiten
für Violine "ohne begleitenden Bass" an. Damit stellte er in
einer Werkgruppe zwei zentrale kammermusikalische Gattungen des Barockzeitalters
einander kontrastierend gegenüber. Während Bach die Partiten für
Violine solo formal noch weiter ausbaut, folgen die drei Sonaten ausnahmslos
dem Muster der italienischen sonata da chiesa (langsam - schnell - langsam
- schnell).
Im direkten Vergleich mit Bachs Suiten und Partiten müssen sich seine Sonaten
für Violine solo ungleich abstrakter ausnehmen. Weder schwungvolle tänzerische
Rhythmen noch galante Melodiewendungen vermitteln hier zwischen Bachs grenzenlosem
musikalischen Einfallsreichtum und dem diese Fülle kaum fassenden Ohr des
Musikliebhabers. Dass der Komponist selbst Violine spielte und seine genauen
Kenntnisse des Instruments in die Kompositionen einfließen ließ,
macht sie nicht zugänglicher: Angesichts ihrer exorbitanten technischen
Schwierigkeiten konnte sich Bachs erster Biograph Johann Nikolaus Forkel die
Solosonaten Anfang des 19. Jahrhunderts nur als Studienwerk erklären, das
"einen Lehrbegierigen seines Instrumentes völlig mächtig"
macht.
Mark Schulze Steinen
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