Johann Sebastian Bach
(1685-1750)
Ouvertüre (Orchestersuite) Nr. 1 C-Dur
BWV 1066
Ouvertüre (Orchestersuite) Nr. 2 h-moll BWV 1067
Ouvertüre (Orchestersuite) Nr. 3 D-Dur BWV 1068
Ouvertüre (Orchestersuite) Nr. 4 D-Dur BWV 1069
Der Zuschnitt der Buchsbaumhecken
Johann Sebastian Bachs Orchestersuiten
"Gleich nach seinem Eintreffen nahm der König
die Königin bei der Hand, und zusammen mit etwa vierzehn Paaren begannen
sie die Branle. Danach kam eine Courante, dazwischen ein anderer französischer
Tanz.[
] wahrscheinlich werde ich nie wieder eine solche Galanterie in
meinem Leben erleben."
Alles in allem war der 15. November 1666 ein besonderer Abend im Leben von Samuel
Pepys, jenes Angestellten im britischen Flottenamt, der der Nachwelt ein minutiös
geführtes Tagebuch über das London der 1660er Jahre hinterließ.
Man tanzte gern bei Hof, und hier unterschied sich das englische Königshaus
nicht von den zahlreichen großen und kleinen Fürstenhäusern
auf dem Kontinent. Tausende teils anonym überlieferter Tanzarrangements
kursierten an den Hofkapellen Europas, und es waren vor allem die französischen
Tänze wie Menuett, Courante, Gagliarde und wie sie
alle hießen, die gerne imitiert wurden. Doch rund 70 Jahre nach Pepys'
galantem Abend ging es gar nicht mehr nur ums Tanzen. Vielmehr sah man die Tänze
als Basis für eine noch weiter reichende Imitation des französischen
Hofes, eine Vorlage, um die Natur in ein kunstvolles System zu zwingen, also
beinahe schon eine Weltanschauung: "Die französische Nation hat
ihren ganzen Ehrgeiz auf [
] jene feine symmetrische Aufteilung im Unsichtbaren
verlegt, die in einer Pièce die musikalischen Figuren formt, vergleichbar
jener zierlichen Gliederung der Buchsbaumhecken, aus denen eine Anlage im Parterre
der Tuilerien besteht." (Hubert Leblanc, 1740)
Johann Sebastian Bach, der Beherrscher der musikalischen Tanzformen, wuchs in
dieser Zeit des ästhetischen Umbruchs auf, und die barocken Ordnungsprinzipien
- die Zuschnitte der Buchsbaumhecken in den Tuilerien - hat wohl kein Komponist
so exemplarisch, endgültig und stilbildend in Musik umgesetzt wie er. Das
Tänzerische wird dabei oft unterschätzt. Es prägt Bachs Komponieren
nicht nur in den Suiten.
Tilman Schlömp
Zeichen 5375
Zu Bachs Orchestersuite Nr. 3 ist auch ein Text von Christine Mitlehner lieferbar