Johann Sebastian Bach
(1685-1750)

Matthäuspassion, BWV 244



Gelehrter Kommentar zu einem geistlichen Trauerspiel

Es treten auf: Jesus Christus und seine Jünger, der römische Statthalter Pontius Pilatus, der jüdische Hohepriester Caiphas, falsche Zeugen, Mörder und wütendes Volk - das Aufeinanderprallen dieser Figuren könnte den Stoff für eine Oper abgeben. Warum hat Bach keine Opern geschrieben?
Erst Gotthold Ephraim Lessing räumte mit der Vorstellung auf, der Schrecken über das Böse müsse Sinn und Zweck der Trauerspiele sein. In seiner "Hamburgischen Dramaturgie" erklärte er, was das eigentlich Wichtige der Tragödie war:
"Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem Mitleiden gemacht hat. Er glaubte nehmlich, daß das Uebel, welches der Gegenstand unseres Mitleidens werden solle, nothwendig von der Beschaffenheit seyn müsse, daß wir es auch von uns selbst, oder für eines von den Unsrigen, zu befürchten hätten. Wo diese Furcht nicht sey, könne auch kein Mitleiden Stattfinden."
Könnte eine tragische Handlung solches "Mitleiden" aus sich selbst heraus erreichen, wäre das der perfekte Operntext. Aber Lessing, der dieses "bürgerliche Trauerspiel" erfand, wurde erst 1729, im Jahr der Uraufführung der Matthäus-Passion, geboren. Was Lessing kritisierte, das "Uebel" als Selbstzweck, war jedoch zu Bachs Zeiten in deutschen Ländern gang und gäbe: nicht die handelnde und leidende Theaterfigur stand im Mittelpunkt, sondern das Gute oder Böse ihrer Taten selbst. Das erklärt die langen betrachtenden und moralisierenden Monologe der Barockzeit. Der Kommentar besorgte, was die Handlung selbst nicht fassen konnte. Schlechte Zeiten für die Oper also. Einige wenige Ausnahmen gab es in den großstädtischen Theaterzentren, die die italienische Oper nachahmten, so z.B. in Dresden, München, vor allem aber in Hamburg, wo Georg Philipp Telemann die "moderne" Barockoper der jüngeren Generation entwickelte. Wenig drang davon bis nach Leipzig.
Bach machte das Beste daraus. Er formte aus der halb gelehrten, halb sentimentalen geistlichen Abhandlung das komplizierte Gedankengebäude eines musikalischen Kommentars und verzichtete damit auf die Dramaturgie der Oper.

Tilman Schlömp
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