Johann Sebastian Bach / Zoltán Kodály
(1685-1750 / 1882-1967)

Fantasia cromatica für Viola solo
Transkription der Chromatischen Fantasie d-Moll für Cembalo BWV 903


Die Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903 für Cembalo ist nicht als Autograph, sondern in zahlreichen Abschriften und Lesarten überliefert und bietet so den Forschern ein schwieriges Untersuchungsfeld. Welche Vorlage Kodály benutzte, muß noch geklärt werden. Ein Vergleich mit der Henle - Ausgabe zeigt für die Bratschenstimme einige Druckfehler, als auch Fehlen von Takten sowie einige Modifikationen, die von Kodály absichtlich vorgenommen wurden. So ist der Schluß der Fantasia cromatica anders als bei Bach. Eine solche Freiheit in der Behandlung des originalen Notentextes sollte dem Bearbeiter jedoch nicht negativ angelastet werden. Transkriptionen dienen dem, der sie macht und dem, der sie spielt einen genauen Einstieg in die Strukturen des Originals. Damit hat er die Freiheit gewonnen, die Vorlage aus ihrem Charakter und Geist heraus auf seine Weise neu mitzuteilen. Bach und die alten Meister haben unbekümmert transkribiert und sich somit Kompositionstechniken anverwandelt. So auch Zoltán Kodály, der die Chromatische Fantasie im Jahre 1950 für Viola umschrieb. So kühn, wie die Bach-Komposition in der Ausschöpfung aller chromatischer und harmonischer Raffinessen an die Grenzen der Dur- Moll- Tonalität stößt, so virtuos, wie der Spieler (als ob er dies alles gerade spontan erdacht hat) die Dreiklangs- und Akkordbrechungen, die Tonleiterkaskaden und das Figurenwerk mit seinen zwei Händen bewältigen muß, so wahnsinnig ist ihre Übertragung auf das Streichinstrument, auf der nur vier Finger die Noten zum Erklingen bringen.In zwei Teile gliedert sich das Werk, einem vielgestaltigen, quasi improvisatorischen Einleitungsteil und einem ausdrucksvollen Instrumental-Rezitativ, einem der ausgedehntesten und expressivsten in der Literatur überhaupt.
Mit diesem Werk hat in den späten 90er Jahren der Bratscher Thomas Selditz im Apollo-Saal der Berliner Staatsoper Unter den Linden sein Publikum in Beifallsstürme versetzt.

Christine Mitlehner
Zeichen 1950
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