Fantasia cromatica für Viola solo
Transkription der Chromatischen Fantasie d-Moll
für Cembalo BWV 903
Die Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV
903 für Cembalo ist nicht als Autograph, sondern in zahlreichen Abschriften
und Lesarten überliefert und bietet so den Forschern ein schwieriges Untersuchungsfeld.
Welche Vorlage Kodály benutzte, muß noch geklärt werden. Ein
Vergleich mit der Henle - Ausgabe zeigt für die Bratschenstimme einige
Druckfehler, als auch Fehlen von Takten sowie einige Modifikationen, die von
Kodály absichtlich vorgenommen wurden. So ist der Schluß der Fantasia
cromatica anders als bei Bach. Eine solche Freiheit in der Behandlung des
originalen Notentextes sollte dem Bearbeiter jedoch nicht negativ angelastet
werden. Transkriptionen dienen dem, der sie macht und dem, der sie spielt einen
genauen Einstieg in die Strukturen des Originals. Damit hat er die Freiheit
gewonnen, die Vorlage aus ihrem Charakter und Geist heraus auf seine Weise neu
mitzuteilen. Bach und die alten Meister haben unbekümmert transkribiert
und sich somit Kompositionstechniken anverwandelt. So auch Zoltán Kodály,
der die Chromatische Fantasie im Jahre 1950 für Viola umschrieb.
So kühn, wie die Bach-Komposition in der Ausschöpfung aller chromatischer
und harmonischer Raffinessen an die Grenzen der Dur- Moll- Tonalität stößt,
so virtuos, wie der Spieler (als ob er dies alles gerade spontan erdacht hat)
die Dreiklangs- und Akkordbrechungen, die Tonleiterkaskaden und das Figurenwerk
mit seinen zwei Händen bewältigen muß, so wahnsinnig ist ihre
Übertragung auf das Streichinstrument, auf der nur vier Finger die Noten
zum Erklingen bringen.In zwei Teile gliedert sich
das Werk, einem vielgestaltigen, quasi improvisatorischen Einleitungsteil und
einem ausdrucksvollen Instrumental-Rezitativ, einem der ausgedehntesten und
expressivsten in der Literatur überhaupt.
Mit diesem Werk hat in den späten 90er Jahren der Bratscher Thomas
Selditz im Apollo-Saal der Berliner Staatsoper Unter den Linden sein
Publikum in Beifallsstürme versetzt.
Christine Mitlehner
Zeichen 1950