Johann Sebastian Bach
(1685-1750)
Chaconne
aus der Partita II d-Moll BWV 1004
bearb. für Viola solo
Wie der Aria aus Bachs berühmten Goldberg-Variationen liegt auch der Chaconne der Sarabandenrhythmus zugrunde; auch sie ist ein Variationswerk über einem ostinaten Baß. Durch die Wiederholung der viertaktigen Baßlinie entsteht ein in sich geschlossenes achttaktiges Thema, das nun in der dreiteiligen Abfolge von Moll-Dur-Moll auf die vielfältigste und gewitzteste Art variiert wird. Wieviel Variationen es sind, wollten Musikwissenschaftler wissen - und stürzten in ein Dilemma: so starr man das Modell zunächst auch sehen will, so organisch löst es sich im fließenden Ganzen auf. Ein musikalischer Organismus entsteht, dessen hochdifferenzierte Nervenzellen am Schluß in die Ausgangsgestalt führen. Das ist Bachs Denken: er löst die Modelle auf, er differenziert sie, er spielt mit ihnen unendliche Möglichkeiten durch, nicht, um sie zu zerstören, sondern um ihnen ihre Qualität zu sichern.
Christine Mitlehner