Streichquartett Nr. 4 (1951)
Als Karol Szymanowski 1927 vorübergehend die Leitung
des Warschauer Konservatoriums, drei Jahre später dann kurzzeitig das Rektorenamt
der neu gegründeten Musikhochschule übernahm, riet er polnischen Komponisten
der folgenden Generation, sich außerhalb ihrer Heimat fortzubilden. Zu
den Studenten, die diesen Rat befolgten, gehörte auch die 1909 im polnischen
Lódz geborene Grazyna Bacewicz. Nachdem sie in Warschau ihre Diplome
summa cum laude in den Fächern Violine und Komposition erhalten hatte,
ging sie 1932 nach Paris, um bei Nadia Boulanger Komposition zu studieren und
sich von Carl Flesch den letzten geigerischen Schliff verleihen zu lassen. 1935
kehrte sie in ihre Heimat zurück, wo sie von dem Dirigenten Grzegorz Fitelberg
als Konzertmeisterin an das Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks verpflichtet
wurde. Die Kriegsjahre, die Bacewicz in Polen verbrachte, setzten einen vorübergehenden
Schlussstrich unter ihre Laufbahn als Geigerin. Ihr künstlerischer Schaffensdrang
blieb indes ungebrochen, so dass sie nach 1945 neben Witold Lutoslawski, Tadeusz
Baird und Kazimierz Serocki rasch in die erste Riege der polnischen Komponisten
aufstieg. Ab 1956 lernte Bacewicz im Rahmen des Warschauer Herbstes, dem bedeutendsten
Festival für zeitgenössische Musik im sozialistischen Teil Europas,
Werke der seriellen und elektronischen Musik kennen, die ihrem Schaffen neue
Impulse verliehen. Bacewicz, die seit 1960 Vizepräsidentin des Polnischen
Komponistenverbandes war, starb 1969 im Alter von 59 Jahren in Warschau.
Das kompositorische uvre von Bacewicz ist beachtlich: Es umfasst unter
anderem drei Ballette und eine Rundfunkoper, vier Sinfonien und weitere sinfonische
Werke, sieben Violinkonzerte sowie Konzerte für ein oder zwei Klaviere,
Bratsche und Violoncello, fünf Violinsonaten, sieben Streichquartette und
andere kammermusikalische Kompositionen sowie zahlreiche Klavierwerke. Neben
ihrer internationalen Karriere als Geigerin, die sie 1955 aufgab, um sich auf
ihre kompositorische Arbeit zu konzentrieren, ihren Verpflichtungen als Jurorin
bei zahlreichen internationalen Wettbewerben und ihrer 1966 aufgenommenen pädagogischen
Tätigkeit an der Warschauer Musikhochschule fand Bacewicz außerdem
Zeit, eine 1968 vom polnischen Fernsehen ausgestrahlte Komödie Jerzyki
albo nie jestem ptakiem (Die Mauersegler oder Ich bin kein Vogel) sowie
eine Reihe von bislang größtenteils unveröffentlichten Erzählungen
und Romanen zu schreiben.
Ihr Streichquartett Nr. 4 komponierte Bacewicz für den Concours International
pour Quatuor à Cordes im belgischen Liège, wo es unter 57
Einsendungen mit dem Ersten Preis bedacht wurde; die Uraufführung spielte
das Quatuor municipal de Liège am 21. April desselben Jahres.
Mit seinen klaren formalen Strukturen, der spezifisch geigerischen Melodik,
die hin und wieder auch in ausgedehnte figurative Passagen ausufert, und einer
unverkrampften Musizierhaltung gilt es Bacewicz-Kennern als eines der typischsten
und originellsten Werke der Komponistin vor 1956.
Mark Schulze Steinen
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