Grazyna Bacewicz
(1909-1969)

Streichquartett Nr. 4 (1951)


Als Karol Szymanowski 1927 vorübergehend die Leitung des Warschauer Konservatoriums, drei Jahre später dann kurzzeitig das Rektorenamt der neu gegründeten Musikhochschule übernahm, riet er polnischen Komponisten der folgenden Generation, sich außerhalb ihrer Heimat fortzubilden. Zu den Studenten, die diesen Rat befolgten, gehörte auch die 1909 im polnischen Lódz geborene Grazyna Bacewicz. Nachdem sie in Warschau ihre Diplome summa cum laude in den Fächern Violine und Komposition erhalten hatte, ging sie 1932 nach Paris, um bei Nadia Boulanger Komposition zu studieren und sich von Carl Flesch den letzten geigerischen Schliff verleihen zu lassen. 1935 kehrte sie in ihre Heimat zurück, wo sie von dem Dirigenten Grzegorz Fitelberg als Konzertmeisterin an das Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks verpflichtet wurde. Die Kriegsjahre, die Bacewicz in Polen verbrachte, setzten einen vorübergehenden Schlussstrich unter ihre Laufbahn als Geigerin. Ihr künstlerischer Schaffensdrang blieb indes ungebrochen, so dass sie nach 1945 neben Witold Lutoslawski, Tadeusz Baird und Kazimierz Serocki rasch in die erste Riege der polnischen Komponisten aufstieg. Ab 1956 lernte Bacewicz im Rahmen des Warschauer Herbstes, dem bedeutendsten Festival für zeitgenössische Musik im sozialistischen Teil Europas, Werke der seriellen und elektronischen Musik kennen, die ihrem Schaffen neue Impulse verliehen. Bacewicz, die seit 1960 Vizepräsidentin des Polnischen Komponistenverbandes war, starb 1969 im Alter von 59 Jahren in Warschau.
Das kompositorische Œuvre von Bacewicz ist beachtlich: Es umfasst unter anderem drei Ballette und eine Rundfunkoper, vier Sinfonien und weitere sinfonische Werke, sieben Violinkonzerte sowie Konzerte für ein oder zwei Klaviere, Bratsche und Violoncello, fünf Violinsonaten, sieben Streichquartette und andere kammermusikalische Kompositionen sowie zahlreiche Klavierwerke. Neben ihrer internationalen Karriere als Geigerin, die sie 1955 aufgab, um sich auf ihre kompositorische Arbeit zu konzentrieren, ihren Verpflichtungen als Jurorin bei zahlreichen internationalen Wettbewerben und ihrer 1966 aufgenommenen pädagogischen Tätigkeit an der Warschauer Musikhochschule fand Bacewicz außerdem Zeit, eine 1968 vom polnischen Fernsehen ausgestrahlte Komödie Jerzyki albo nie jestem ptakiem (Die Mauersegler oder Ich bin kein Vogel) sowie eine Reihe von bislang größtenteils unveröffentlichten Erzählungen und Romanen zu schreiben.
Ihr Streichquartett Nr. 4 komponierte Bacewicz für den Concours International pour Quatuor à Cordes im belgischen Liège, wo es unter 57 Einsendungen mit dem Ersten Preis bedacht wurde; die Uraufführung spielte das Quatuor municipal de Liège am 21. April desselben Jahres. Mit seinen klaren formalen Strukturen, der spezifisch geigerischen Melodik, die hin und wieder auch in ausgedehnte figurative Passagen ausufert, und einer unverkrampften Musizierhaltung gilt es Bacewicz-Kennern als eines der typischsten und originellsten Werke der Komponistin vor 1956.

Mark Schulze Steinen
Zeichen 4456

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